Politik : CDU: Ein Kandidat will vielleicht doch keiner sein

Carsten Germis

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Wilhelm Schmidt, hat sich am Wochenende in seinem Wahlkreis in Salzgitter über die neuesten Nachrichten vom politischen Gegner richtig gefreut. "Ich bewerte das als einleitende Rückzugsbewegung von Edmund Stoiber", sagte er und liefert die Begründung für Stoibers Verhalten gleich mit: "Er kneift vor Gerhard Schröder." Quelle der Freude waren Äußerungen der beiden CSU-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Uhl und Hans Michelbach. Im "Focus" meinte Uhl, es gehe in der internen Unionsdebatte um die Kanzlerkandidatur gar nicht mehr um die Frage, "ob Stoiber noch antreten kann, sondern ob er überhaupt noch will". Michelbach, der Mittelstandssprecher der CSU, blies ins gleiche Horn. "Durch die ewigen Streitereien in der CDU hat Stoiber wieder eine Rückzugsmöglichkeit", sagte er. Der Ministerpräsident vergebe sich gar nichts, wenn er unter diesen Bedingungen nicht antrete.

Tatsächlich mehren sich die Zeichen, dass Stoibers Drang, bei der Bundestagswahl im Herbst 2002 Herausforderer von Bundeskanzler Gerhard Schröder zu werden, stark nachgelassen hat. Auch CSU-Bundestagsabgeordnete stellen fest, "die Rückzugsbewegungen werden stärker". Und was meint die CDU zu allem? "Entschieden ist momentan überhaupt noch nichts", sagte eine Sprecherin und ergänzte: "Wir bleiben beim vereinbarten Zeitraum." Der sieht vor, dass CDU und CSU sich im Frühjahr 2002 daran machen, ihren Kanzlerkandidaten zu küren.

Sozialdemokrat Schmidt rechnet allerdings nicht mehr mit einer erneuten Wende Stoibers. "Er wird nicht in ein aussichtsloses Gefecht gehen", sagt er. Außerdem beweise der Ministerpräsident aus München immer wieder, dass er zwar bayerische Interessen vertrete, "an politischer Gesamtverantwortung für Deutschland ist ihm aber nicht gelegen". Er sei ja nicht mal fähig, mit der eigenen Schwesterpartei zu kooperieren. Genau diese Fähigkeit zur Kooperation vermisst Stoiber laut "Focus" bei den Christdemokraten. "Dass die keinen Korpsgeist haben. Die müssen doch wissen, dass man nur gewinnen kann, wenn man strikt zusammenhält", soll er im vertrauten Kreis geklagt haben. Außerdem habe er den schlechten Zustand der Schwesterpartei mit drastischen Worten beschrieben: "Diese CDU - da kann ich die Arbeit ja gleich ganz einstellen." Der frühere Vorsitzende der CDU, Wolfgang Schäuble, hat das Präsidium seiner Partei unterdessen aufgefordert, sich "nicht durch solche Debatten ablenken" zu lassen, sondern eine klare und erkennbare Oppositionsarbeit zu machen. Bei innerparteilichen Querelen sei es "furchtbar schwierig für die Führung, eine Erfolgszuversicht wachsen zu lassen" sagte er der "Welt am Sonntag".

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben