Politik : CDU ernennt unerwartet schnell einen Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters

Jürgen Zurheide

Die Sozialdemokraten waren ratlos. Eigentlich hatten sie sich am späten Sonntagabend versammelt, um einen eigenen Kandidaten zu finden, doch die Kölner CDU entriss den Genossen die Regie. Obwohl deren plötzlich verstorbener Oberbürgermeister Harry Blum erst am vergangenen Freitag zu Grabe getragen worden war, hatten sich die Christdemokraten schon auf einen Nachfolger verständigt: Fritz Schramma, der bisherige Stellvertreter Blums, soll in dessen Fußstapfen treten und im September zur Direktwahl für die CDU antreten. Mit dem 52-Jährigen hatten die Genossen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gerechnet. Sie erwarteten statt dessen einen öffentlichen Schaukampf zwischen dem mächtigen CDU-Fraktionschef Rolf Bietmann und Parteichef Richard Blömer, zumal sich die beiden in der Vergangenheit mehr als einmal gegenseitig blockiert hatten. Statt über die eigene Strategie für die Wahl im Herbst zu beraten, mussten die Sozialdemokraten erst einmal Kommentare zu Fritz Schramma abgeben. "Er ist zwar seit 1994 im Rat", quälte sich SPD-Chef Norbert Rüther,"aber inhaltlich und politisch hat er sich nicht profiliert".

So ähnlich hatten sich die Sozialdemokraten über Harry Blum auch geäußert. Der hochgewachsene Christdemokrat war von den Genossen bis zum September vergangenen Jahres kaum erst genommen worden. Selbst als er die Wahl gewonnen hatte, trösteten sich viele in der SPD mit Hinweisen auf ihre Heugel-Affäre und den Rückzug des eigenen Kandidaten, der Blum den ersten CDU-Sieg nach vier Jahrzehnten in der Domstadt erleichert hatte. Mit Fritz Schramma versucht die CDU das Muster des Wahlerfolges vom Herbst vergangenen Jahres zu kopieren. Wie Blum, der als Kompromisskandidat zwischen Fraktions- und Parteichef galt, zählt Schramma nicht zu den Vollblutpolitikern. Bis heute unterrichtet der Studiendirektor seine Schüler in Latein und Philosophie an einem Pulheimer Gymnasium. "Schramma ist unkonventionell, kölsch und verkörpert am ehesten das politische Profil von Harry Blum", urteilt etwa FDP-Fraktionschef Raplh Sterck.

Während sich CDU und FDP in diesem Punkt einig sind, erscheint die Kölner SPD kopflos. Da sich die politische Stimmung im Lande gedreht hat, macht man sich große Hoffnungen, das katstrophale Votum vom vergangenen Herbst zu verändern. "Doch wir brauchen einen vorzeigbaren Kopf", analysiert einer, der die Kölner SPD-Verhaltnisse gut kennt. Die Genossen haben sich im Schatten der satten Mehrheiten hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und mit ihren jeweiligen Parteizirkeln um die Macht gekungelt. In ihrer Verzweiflung haben unterdessen Parteilinke allen Ernstes eine kühne Idee diskutiert. Ob man nicht Oskar Lafontaine fragen solle, haben sie erörtert. Da der neue Oberbürgermeister der größten Stadt in Nordrhein-Westfalen für volle neun Jahre gewählt wird, ist die Position nicht uninteressant. "Das mit Lafontaine ist ein ähnlicher Unsinn wie die Idee, dass die CDU Jürgen Rüttgers aufstellt", urteilt ein Kenner der Kölner Szene.

Da die Genossen nicht mehr lange schweigen können, rückt ein anderer Name in der Vordergrund. Anke Brunn, die Landtagsabgeordnete und frühere Wissenschaftsministerin, könnte flügelübergreifend zur Hoffnungsträgerin der Sozialdemokraten der Domstadt werden. Interesse hätte sie.

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