Politik : CDU-Spenden: Mit einem Tell-Zitat aus der Finanzaffäre

Christoph Schmidt Lunau

"Die See rast und will ein Opfer!" Franz Josef Jung (CDU), der frühere Chef der hessischen Staatskanzlei, bemühte vor dem Landtagsuntersuchungsausschuss Schillers "Tell", um seinen von der FDP erzwungenen Rücktritt zu erklären. Jung, von 1987 bis 1991 Generalsekretär der hessischen CDU und seit seiner Demission im September prominentestes Opfer der CDU-Finanzaffäre, bekräftigte seine bisherigen Aussagen, er habe erst in diesem Jahr vom geheimen Auslandsvermögen der hessischen Union erfahren. Der ehemalige Landesvorsitzende Manfred Kanther, der frühere Landesgeschäftsführer Siegbert Seitz hätten ihn ebenso hintergangen wie der ehemalige Schatzmeister Casimir Prinz Wittgenstein, sagte Jung.

In Jungs Amtszeit als Chef der Landesgeschäftsstelle war mehr als eine Million Mark undeklarierten Schwarzgeldes aus der Schweiz in den offiziellen Geldkreislauf der Partei eingeschleust worden, zusätzlich zu den als "Vermächtnisse" ausgewiesenen Millionenbeträgen. Davon will Jung als Chef der Landesgeschäftsstelle nichts erfahren haben. Im September hatte der enge Vertraute und Staatskanzleichef von Roland Koch auf Druck der FDP zurücktreten müssen, weil Dokumente aus den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gegen Kanther & Co seine Rolle in der "Reischmann-Affäre" im Zwielicht erscheinen ließen.

Der frühere CDU-Finanzchef Reischmann hatte von 1988 bis 1992 rund 2,2 Millionen Mark aus den Kassen von Partei und Fraktion unterschlagen. Wegen der inoffiziellen Rückflüsse aus den Auslandsvermögen waren seine Manipulationen lange unentdeckt geblieben. Die Affäre war ohne Strafanzeige geräuschlos geregelt worden. Im Mai dieses Jahres hatte Jung vor dem Parteispendenausschuss in Berlin versichert, er sei mit dieser Affäre nur "am Rande, als Zeuge" befasst gewesen. Weshalb jedoch die internen Berichte der Wirtschaftsprüfer Weyrauch & Kapp über die Millionenunterschlagung ihn als Auftraggeber, Adressaten und als Gesprächspartner nennen, konnte Jung vor dem Ausschuss nicht erklären. Mit den Papieren und ihrem brisanten Inhalt habe ihn erstmals am 4. September sein Landesvorsitzender, Ministerpräsident Roland Koch, konfrontiert; sie waren die Begründung der FDP für die Rücktrittsforderung. Er habe sich nichts vorzuwerfen, so der Zeuge am Montag in Wiesbaden selbstbewusst, auch seine politische Zukunft sei deshalb "offen". Während SPD und Grüne Jungs Darstellung völlig unglaubwürdig nannten, bezeichnete neben den Christdemokraten auch die FDP-Abgeordnete Nicola Beer Jungs Aussage stimmig und überzeugend. Es scheint, die Liberalen richten sich darauf ein, dass Jung schon bald den Vorsitz der CDU-Landtagsfraktion übernehmen könnte.

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