Politik : CDU-Spendenaffäre: Schwächen der Großen (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Ein europäischer Patriarch gerät in Schwierigkeiten, nachdem er sein Amt verloren hat. Er hat große Verdienste, jetzt aber wird sein Umgang mit Geld untersucht. Nein, die Rede ist nicht von Helmut Kohl. Sondern von Irlands früherem Regierungschef Charles Haughey. Immer häufiger werden europäische Politiker an neuen Maßstäben gemessen. Gefährdet das die Demokratie? Oder schränkt Politiker bei schwierigen Entscheidungen unzulässig ein? Mitnichten.

Vor wenigen Tagen konnte man im Tagesspiegel die These des französischen Publizisten und langjährigen Ministerberaters Joseph Rovan lesen: Das Problem sei nicht, dass Helmut Kohl Akten vernichtet hat, sondern dass er nicht noch mehr Akten vernichtet hat. Das wirkt zynisch. Es sollte vielleicht elitär klingen - ein berechtigter Seufzer über diese ernsten, biederen Deutschen, die keine Ahnung haben, wie große Politik funktioniert.

Das Gegenteil ist richtig: Rovans Haltung ist idealistisch, weil sie den romantischen Glauben an einen Staat verkörpert und an Politiker, die zwar ihre Schwächen haben und Gesetze brechen - und doch (fast) immer den richtigen Weg einschlagen. Diesen blinden Glauben hat man in Deutschland längst aufgegeben. Und, nach dem Watergate-Skandal, auch in den USA. In den USA denkt man anders über Kohl und seine Affären. Die Verdienste des Kanzlers der Einheit, so die überwiegende Meinung wie fast überall außerhalb Deutschlands, wiegen weit schwerer als seine Vergehen. Was man Kohl übel nimmt, ist weniger die Parteispenden-Affäre. Sondern der Vorwurf der Aktenvernichtung. Das gilt in den USA als unentschuldbarer Skandal, seit Nixon versucht hat, Watergate zu vertuschen.

Clinton hat die richtige Lehre aus Watergate gezogen: alles, was sich nicht vertuschen lässt, möglichst schnell zugeben. Bei Skandalen verfolgen seine Berater jetzt die Strategie, die Reporter absichtlich mit Unterlagen zu überfluten - bis sie nicht mehr durchblicken.

Die Kohl-Affäre wird länger dauern, weil Kohl ihren Abschluss mit seinem Schweigen hinauszögert. Mag sein, seine Strategie funktioniert. Eines aber ist sicher: Ratschläge wie die aus Frankreich zeigen, wie Kohls Schwierigkeiten begannen. Kohl könnte - mit leichter Übertreibung - sagen, er sei Opfer einer französischen Verschwörung. Francois Mitterrand steuerte den Elf-Aquitaine-Deal. War Kohl hilflos gegenüber einem so geschickten Politiker? Ging es ihm darum, Hindernisse auf dem Wege zu Europas Einigung beiseite zu räumen? Das könnte ihm sogar Sympathie einbringen: zu so heroischen Opfern war er für Europa bereit!

Ein vereinigtes Europa darf keinesfalls das französiche Modell übernehmen: Es ist korrupt und korrumpiert. Europa sollte sich nach der angelsächsischen Tradition richten, die den Staat nicht verherrlicht, sondern mit Skepsis betrachtet. Die Zeit der Patriarchen in der Demokratie ist vorbei. Jetzt sind die freundlichen Politiker aus der Mitte des Volkes gefragt: die Blairs, Schröders und Clintons. Falls Helmut Kohl doch noch zum zehnten Jahrestag der Einheit am 3. Oktober redet, dann wird das eine Erinnerung sein an diese Vergangenheit: in der die Schwächen der Großen so groß waren wie ihre Leistungen.

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