Politik : CDU-Spendenaffären: Küsschen an der Fabrikpforte

Robert von Rimscha

Man stelle sich vor: 50 000 bis 70 000 Mark Schaden! So beziffert Artur Kurrle den Wertverlust seiner Eigentumswohnung. Die hatte er in Neu-Isenburg gekauft, in einem 16- oder 18-Familien-Wohnhaus. Gegenüber, so war ihm zugesichert worden, entsteht ein zweigeschossiges Haus plus Dachausbau.

So war es auch auf dem Modell zu sehen, das im Bürgermeisteramt stand. Und dann plötzlich der Schock, als Kurrle klar wurde, dass nun ein dreigeschossiges Haus plus Dachausbau den Blick aus seiner Eigentumswohnung versperren würde! Wie gesagt: 50 000 bis 70 000 Mark Wertverlust in dieser Gegend.

Mit den Immobiliensorgen des Herrn Kurrle plagte sich am Donnerstag der Untersuchungsausschuss zu den illegalen CDU-Parteispenden herum. Irgendwie ging es dabei um große Politik, um potenzielle Bestechlichkeit - und es ging um den Zeugen Koch, seines Zeichens Ministerpräsident in Hessen. Doch tief drunter ging es um hessischen Alltag.

Und den kennt Kurrle gut. Von 1961 bis 1998 diente er dem Süßwarenhersteller Ferrero in allerlei Leitungsfunktionen. Am Donnerstag musste er sich eine halbe Stunde lang mit seinem Anwalt beraten, bis er dem Ausschuss auf die Frage, ob Ferrero denn an die unionsnahe "Hessische Akademie für politische Bildung" gespendet habe, mit einem schlichten "Nein" antworten konnte.

Lange hat der Ferrero-Manager Bares an die Christdemokraten übergeben, seit 1983 jährlich 100 000 Mark an Prinz Wittgenstein. "Es hat Einvernehmen darüber bestanden, dass die Spende öffentlich nie erwähnt wird", räumt Kurrle dann auch ein. Wie denn sein Verhältnis zu dem Geldeintreiber war? "Es ist schwierig, mit einem Prinzen wahre Freundschaft zu schließen", sagt Kurrle: "Ich bin doch Arbeiterkind."

Doch Kurrle stieg hoch auf in Hessens Gesellschaft. Alle Ministerpräsidenten habe er gekannt. Einer sei einst bei Ferrero zu Besuch gewesen. Wenn ihm die Betriebsräte zu kritisch wurden, sei er an die Fabrikpforte gegangen und habe Küsschen verteilt. "Die wählen mich wenigstens", habe der Kommentar gelautet. Die Ministerpräsidenten Oswald und Börner seien vom Stammhaus, der Familie Ferrero also, nach Italien eingeladen worden. "Die Kosten hat mit Sicherheit die Familie getragen." Das sei die Revanche für Einladungen in Hessen gewesen. Und die waren der Dank für 4000 Arbeitsplätze.

Wobei natürlich nicht nur mit illegalen Groß-Zuwendungen gedankt wurde. Es gab auch legale Spenden für soziale Einrichtungen, und es gab Kleinspenden, "ein paar Tausend Mark", die der Chef nach Gusto austeilte. Eine Regelung, welche Höhe die Obergrenze solcher Nebenbei-Spenden gewesen sei, habe es nicht gegeben, erklärte Kurrle.

Seine Eigentumswohnung in Neu-Isenburg wurde übrigens auch zum Ausschuss-Thema, weil es in Presseveröffentlichungen geheißen hatte, Kurrle habe den Bürgermeister massiv bedroht, er möge doch gefälligst verhindern, dass ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus ihm künftig den Blick versperre. Kurrle kann da nur lachen. Jung sei der Bürgermeister, über 1 Meter 90 groß, und "nur Muskeln. Den kann man nicht beeinflussen!"

So praktisch läuft also Politik im Hessischen. Die provinziellen Niederungen gaben nicht nur einen Einblick in die Alltäglichkeit des örtlichen Umgangs, sondern auch in die Motivation derer, die dafür Sorge trugen, dass ihre Barzuwendungen nie als offizielle Spenden verbucht wurden. "Weil es sonst einen Aufschrei in der Belegschaft gegeben hätte", erklärte Artur Kurrle. "Ich wollte intern keine politische Diskussion." Weil die Betriebsräte jedoch alle Sozialdemokraten sind, rief ein CDU-Abgeordneter im Ausschuss dazwischen. Kurrle war pragmatischerer Ansicht: "Weil die Arbeitnehmer arbeiten sollen!"

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