Politik : CDU-Spendenskandal: Am Rande: der Abgrund (Kommentar)

Stephan-Andreas Casdorff

Nehmen wir die Erdkruste als Beispiel. Die ist streng genommen auch peripher, aber niemand käme auf die Idee, sie deshalb in den Geografiebüchern nicht mehr zu erwähnen. Und so ist das, im übertragenen Sinn, mit der Spendenaffäre der CDU, die ja nicht zuletzt die des Helmut Kohl ist.

Wolfgang Schäuble hat jetzt den Anlass für diesen Vergleich geboten. Zum zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Einigungsvertrages - den Schäuble einst maßgeblich mitverhandelte - hat er nämlich den CDU-Spendenskandal nur "eine periphere Affäre" genannt. Die sei "lästig genug" und nicht vergleichbar mit dem "weltgeschichtlichen Ereignis". Damit nicht genug, Schäuble, der inzwischen der größte Duzfeind Kohls ist, sagte, er habe ihn immer als "Kanzler der Einheit" gesehen: "Das ist das, was er war und was er ist und was er bleibt." Selbst gegen den Vorwurf, durch das Versprechen blühender Landschaften seien zu viele Hoffnungen geschürt worden, hat er ihn verteidigt: "Den Deutschen stand 1990 nicht der Sinn nach Blut, Schweiß und Tränen." Und das nach allem, was war?

Richtig ist zunächst, dass bei solchen Sätzen alles peripher wird, was Angela Merkel sagt, die Nachfolgerin im Parteivorsitz. Dass sie der Bewertung Schäubles zugestimmt hat, kann nicht weiter verwundern. Immerhin will Merkel den Graben überbrücken zwischen Schäuble und Kohl und zwischen Kohl und der Partei, weil sie fürchtet, dass es die CDU sonst zerreißt. Aber ins Zentrum rückt, dass Schäuble ihr dabei helfen will. Und wie.

Nur: Ob es so geht? Erstens ist es immer problematisch mit dem Verordnen von Ansichten. Das macht Schäuble doch mitunter, und dagegen haben Partei und Fraktion manches Mal aufbegehrt, als er noch im Amt war, wenn auch nicht immer offen. Zweitens ist die Affäre inzwischen weiter fortgeschritten und in tiefe Schichten der CDU vorgedrungen - auch durch Schäuble, der aus seinen Ansichten über Kohl und die Hintergründe der Affäre ja weiß Gott kein Hehl gemacht hat. Da soll es ihm gelingen, mit einigen wenigen Sätzen diese - auseinandertreibende - Entwicklung grundlegend zu verändern?

Wenn das gelänge, wäre es nicht nur erstaunlich und eine in Teilen uneigennützige Leistung Schäubles. Wobei immer noch festzuhalten bleibt, dass er sich auch ein wenig aus der selbstgewählten, stolzen Einsamkeit heraushilft, wenn er Merkel hilft. Nein, es würde darüberhinaus aussagen, dass die Partei zumindest Schäubles Dominanz, die inhaltliche Richtungsweisung in den wichtigen Fragen vermisst, kurz: Führung. Wenigstens aber die Fähigkeit zur Deutung der Ereignisse im christdemokratischen Sinn und damit zur Orientierung für die nach wie vor verunsicherten Mitglieder.

Doch so einfach wird es nicht gehen. Es fängt schon damit an, dass die Spendenaffäre der CDU immer weitergeht und Kohl weiter schweigt. Und Schäuble ist nicht mehr der Chef. Und die Erdkruste steht im Geografiebuch.

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