CDU und AfD : Der Union droht eine Sprachenteignung durch die AfD

Wer den richtigen Begriff besetzt, gewinnt das Spiel. Für die Union wird das durch die AfD zum Problem. Ein Kommentar.

von
Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD.
Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD.Foto: dpa

Politik wird zu großen Teilen mit Sprache gemacht. Das ist so selbstverständlich, dass es keiner Rede wert erscheint. Politiker reden und reden, vom Podium des Parlaments, von Frühstücksfernsehen bis Late-Night-Talk, miteinander, übereinander, mit dem Publikum. Parteitage und Koalitionsgipfel ringen um Worte mindestens so sehr wie um die Sache, die dahintersteht. Wer im richtigen Moment den richtigen Begriff besetzt, hat das Spiel um Aufmerksamkeit und Zustimmung schon fast gewonnen – so wie sofort verloren ist, wer den falschen Ton erwischt.

In normalen Zeiten, wie gesagt, fallen diese Zusammenhänge gar nicht weiter auf. Aber wenn die Zeiten und die Wähler die gewohnten Konstellationen derart durcheinanderrütteln wie in den drei Landtagswahlen, funktionieren auf einmal auch die Wortspiele nicht mehr. Schon für die Regierungskonstellationen, die gerade in Stuttgart, Mainz und Magdeburg ausgehandelt werden, taugen die alten Begriffe nicht: Öko plus CDU ist was – „linksbürgerlich“, und das trotz des Konservativen Winfried Kretschmann?

Wirklich spannend wird das Sprachproblem aber demnächst, wenn die neuen Parlamente zusammenkommen – und richtig spannend wird es für die CDU. Da sitzen ja dann ein paar Stühle weiter immer die, deren kometenhafter Aufstieg die ungewohnten Verhältnisse verursacht hat. Mit der AfD ziehen nicht einfach nur irgendwelche Rechtspopulisten in die Landtage ein. Mit sich bringen sie eine ganz bestimmte Art zu reden.

Richtig neu ist die nicht – das genau ist das Problem. Wenn sie gerade mal nicht übertreiben, klingen AfD-Vertreter oft genau so, wie man das von konservativen Christdemokraten und Christsozialen lange kannte. Viele haben ja auch wirklich bloß das Parteibuch gewechselt.

Für die Konservativen ist das eine schlechte Nachricht

Für die Konservativen, nicht nur, aber vor allem in den C-Parteien, ist das eine schlechte Nachricht. Sie haben ihr Monopol verloren, schlimmer noch: Ihre Sprüche und ihre Sprache geraten unter eine neue Art von politischem Korrektheitszwang. Wer bisher im Stammtischton gegen Ausländer, Homo-Ehe und andere Zumutungen der Moderne wetterte, befand sich damit am Rand, aber weiterhin innerhalb seiner Partei. Er musste nur aufpassen, dass er den einen Schritt zu weit nach rechts nie ging.

Nun wird dieser Schritt kürzer. Horst Seehofer ist mit der „Herrschaft des Unrechts“ ebenso schon in die AfD-Falle getappt wie Erika Steinbach, die sich mit der Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin „wie in einer Diktatur!“ wähnte. Aber selbst weit weniger absurde Sprücheklopferei droht unter Verdacht zu geraten. Ob Franz Josef Strauß das mit im Sinn hatte, als er vor einer Partei rechts von der Union warnte? Der leidenschaftliche Polemiker hätte jedenfalls sofort begriffen, wie sehr es seine Redefreiheit einengt, wenn Begriffe plötzlich die Parteifarbe wechseln.

Ob die Unionsparteien ein Rezept finden, mit der Gefahr der Sprachenteignung klug umzugehen, wird mit darüber entscheiden, ob die AfD Episode bleibt. Das spannendste der drei Landesparlamente steht deshalb in Mainz. Dort muss sich Julia Klöckners CDU die Opposition mit der AfD teilen. Auch für konservative Wähler die Alternative zu bleiben, ohne zur „Alternative“ zu werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber vielleicht hilft sie dabei, die eigene Position zu klären. Um es mal auf den Begriff zu bringen: Was genau heißt „Leitkultur“?

40 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben