Politik : CDU und SPD in Magdeburg stellen Weichen für Bündnis

Matthias Schlegel[Magdeburg],Matthias Meisner

Gravierender könnten die Unterschiede nicht sein: Die SPD hat für ihre Wahlparty am Sonntagabend einen Kellerraum im Hundertwasser-Haus angemietet, der den Charme einer Tiefgarage mit Bierzeltmöblierung hat. Die CDU dagegen feiert stilvoll im riesigen Atrium des Hotels „Maritim“. Während die CDU die Getränke kostenlos ausreicht, muss der SPD-Anhänger im Hundertwasser-Keller 1,30 Euro für jedes Bier hinlegen. Und: Als SPD-Spitzenkandidat Jens Bullerjahn kurz nach Mitternacht beschwingt die Party verlässt, hat sich Regierungschef Wolfgang Böhmer schon vor Stunden von seinen Getreuen verabschiedet.

Gleichwohl: Politisch-strategisch sind sich die beiden Parteien schon näher als es die Partykultur vermuten ließe. Von den künftig 97 Sitzen im Parlament entfallen nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 40 auf die CDU, 26 auf die Linkspartei/PDS, 24 auf die SPD und sieben auf die FDP. 49 Sitze werden für die Mehrheit benötigt – die FDP ist definitiv draußen. Der alte und wohl auch neue Regierungschef Wolfgang Böhmer stellt sich gelassen auf die große Koalition ein: „Natürlich bedeutet der Wechsel eines Koalitionspartners, dass die Schwerpunkte neu austariert werden müssen.“ Doch das gehöre zum Regelwerk der Demokratie.

Rechnerisch möglich wäre auch Rot- Rot. Doch ein Schwenk von Bullerjahn zu dieser Konstellation „würde die Partei zerreißen und Bullerjahn total unglaubwürdig machen“, sagen Genossen. Und auch Bullerjahn selbst bleibt auf Kurs in Richtung großer Koalition. „Da ändert sich definitiv nichts.“

In der Union aber schwebt das rot-rote Gespenst noch immer zwischen den schwarzen Anzügen herum. „Isch trau denen nich“, sagt ein Rheinländer, der schon Anfang der 90er Jahre als Vertreter nach Sachsen-Anhalt gekommen ist. Seit Reinhard Höppners „Magdeburger Modell“, der Tolerierung einer SPD-Minderheitsregierung durch die PDS, sitzt das Misstrauen bei der CDU tief. Andere fürchten zumindest das Drohpotenzial, das Bullerjahn mit der rot-roten Option in der Hinterhand aufbauen könnte – beim Zerren um die Anzahl der Ministerposten oder die Ressortzuständigkeiten.

Vorerst gibt sich erst einmal die PDS schadenfroh. „Sehr unzeitig“ habe sich die SPD im Wahlkampf auf eine große Koalition festgelegt, analysierte der Landesvorsitzende Matthias Höhn am Montag im PDS-Parteivorstand, für die sozialdemokratischen Wähler sei das „nicht gerade motivierend“ gewesen. Die PDS stellt sich jetzt auf Opposition ein, will aber, wie Spitzenkandidat Wulf Gallert formulierte, die Sozialdemokraten „treiben“, wann immer es möglich ist, die SPD „bei jedem Schritt“ zur CDU „daran erinnern, dass sie eine andere Option haben“.

Der 70-jährige Böhmer derweil hält noch offen, wie er seine Nachfolge regeln will. Schulterzucken bei den Christdemokraten. Böhmer denkt an einen Wechsel nach dem Vorbild Bernhard Vogels in Thüringen: Einen von der Partei respektierten Nachfolger aufbauen und ihn mitten in der – nunmehr fünfjährigen – Legislaturperiode präsentieren und inthronisieren. Kurt Biedenkopfs Entmachtung durch die eigene Partei in Sachsen ist ein Schreckensszenario. So soll es nicht laufen. Nur: Bislang ist weit und breit kein geeigneter Kandidat in Sicht.

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