Politik : Champagner, ehrlich verdient Von Helmut Schümann

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Und nun werden sie heute wieder über die Champs Elysees rollen. Glücklich alle, weil sie die Strapazen der vergangenen Wochen überstanden haben. Strahlend der eine, der gewonnen hat, und nicht mehr ganz nüchtern, weil die Konkurrenten ihm auf den letzten Metern traditionell den Champagner eingeflößt haben. Dann wird auch dieses Radrennen Geschichte sein, und wieder wird es nicht einfach ein Radrennen gewesen sein. Die Tour de France ist kein einfaches Radrennen, sie ist alljährlich die Suche des Menschen nach seinen Grenzen und der immer neue Versuch, diese zu überschreiten. Das macht ihren Reiz aus, und dass in diesem Jahr in Deutschland vor den Fernsehern nur etwa die Hälfte derjenigen zugeschaut haben, die sonst die Tour verfolgen, ist gewiss kein Beleg dafür, dass sie diesen Reiz verloren hat. Auch taugt die Quote nicht als Beleg, dass sich die Menschen abgewandt haben mit Grausen wegen all der Enthüllungen. Dopingenthüllungen im Profi-Radsport haftet nichts Überraschendes an, sie sind nur der Beweis für eine fast schon zu Wissen gewandelte Vermutung. Glaubt doch keiner, dass das Feld, das heute Paris erreicht, ein durchweg sauberes Feld ist. Und doch zog das Interesse gegen Ende, als die Tour ein lebhaftes Wechselspiel zeigte wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, wieder deutlich an.

Fehlte Jan Ullrich, der Deutsche, der mal Held war? Gut möglich, dass er diese Tour dominiert und der WM-Euphorie in Deutschland eine Verlängerung verschafft hätte. Aber fehlen? Nein gefehlt hat er nicht, nach Stand der Ermittlungen hatte Ullrich, hatten die anderen Verdächtigen, bei diesem Rennen einfach nichts zu suchen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben auch etliche, die noch mitradelten, aus gleichen Gründen wie Ullrich in diesem Rennen nichts zu suchen. Aber deswegen wird Ullrichs Ausschluss nicht traurig, nicht tragisch und schon gar nicht ungerecht. Er könnte allerdings eine Wende markieren im Kampf gegen die Seuche im Sport. So konsequent wie in diesem Jahr hat noch kein Geldgeber, kein Sponsor die saubere Sache betrieben und durchgefochten wie Ullrichs Chefs von T-Mobile.

Die haben nicht kapituliert und hängen auch nicht der Mär nach, wonach die Tortur de France nur mit illegalen und im Übrigen höchst lebensgefährlichen Mitteln zu überstehen ist. Und es ist eine Mär, wie Heerscharen von Hobby-Radsportlern alljährlich beweisen, die die Etappen der Tour nachfahren, auch die Berge, nur eben langsamer. Der frühere Verteidigungsminister Rudolf Scharping kam bei seinen Tourbegleitungen des Nachmittags stets gut gelaunt und prall vor Stolz in die Presseräume und berichtete, wie er gerade den Tourmalet oder den Col du Galibier bezwungen hatte. Er wurde dabei sogar gesehen, und er ist nicht tot vom Rad gefallen. Das Spektakel Tour de France, das Faszinosum wird nicht geringer, wenn es etwas langsamer vonstatten geht.

Allein, die Mäßigung schützt vor der Sünde nicht. Es bedarf dazu eines transparenten Sports. So wie ihn der Profi Jens Voigt fordert, der auch vor einem genetischen Fingerabdruck nicht zurückschreckt, um Chancengleichheit herzustellen. Drastisch? Ja, drastisch glaubwürdig. Und der Schampus auf den Champ Elysees schmeckt dann gleich nochmal so gut, wenn er ohne Misstrauen getrunken wird.

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