Charismakurve : TV-Duell hinterlässt nachhaltig Wirkung

Ginge es bei der Bundestagswahl nur um die Ausstrahlung der Kanzlerin und ihres Herausforderers, stünde der Sieger kurz vor dem großen Ereignis wohl schon fest. Ihre Charismakurve ließe für die Amtsinhaberin jedenfalls nichts Gutes vermuten.

Simon Frost

Ein "markantes Profil" – mit so einer Wählerbewertung müsste SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier eine knappe Woche vor der Bundestagswahl sehr zufrieden sein. Denn ein markantes Profil, klare Positionen und Angriffslust sind von einem, der auf den Chefsessel will, auch zu erwarten. Diese Bewertung bekommt der Vizekanzler auf der Charismakurve, die sich aus Bewertungen der Spitzenkandidaten durch die Internetuser speist.

In der Vorwoche gelang es Steinmeier durch seinen Auftritt im TV-Duell, auf der Charismakurve an Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbeizuziehen. Offensichtlich hat sein Wahlkampf seither Fahrt aufgenommen, denn seine Werte in der Abstimmung haben sich verbessert. Möglicherweise ist es Merkel aber auch einfach nicht gelungen, sich während ihrer Fahrt mit dem "Rheingold"-Express quer durch Deutschland bei den Internet-Usern mehr ins Gespräch zu bringen. Ihre Werte haben sich jedenfalls verschlechtert – die Nutzer der Charismakurve halten die Kanzlerin gerade noch für "erinnerbar". Anders gesagt: Auf einer Skala von 1 bis 10 rutscht Merkel von 3,5 auf 3, während Steinmeier leicht auf 8 zulegen kann.

Ein "markantes Profil" allein wird nicht reichen

charismakurve Grafik: charismakurve.de
Grafik: charismakurve.de


Ob eine breite Bevölkerungsmehrheit den SPD-Kandidaten für ebenso kämpferisch hält, wird sich sicher erst am Wahlsonntag am 27. September sagen lassen. Immerhin lässt sich aus der Kurve die Aufholjagd des Herausforderers durchaus ablesen, wie sie auch in anderen – repräsentativen Umfragen – zu erkennen ist. So legt die SPD in einer aktuellen Forsa-Umfrage vom Sonntag bei der Sonntagsfrage einen Prozentpunkt auf 26 Prozent zu. Der Abstand zur Union ist mit zehn Punkten allerdings sehr große, auch wenn CDU/CSU einen Punkt im Vergleich zur vorigen Umfrage verlieren.

Bei der Frage nach einer Kanzlerin Merkel oder einem Kanzler Steinmeier liegt in den repräsentativen Umfragen die Amtsinhaberin weit vorne, auch wenn Steinmeier seit dem TV-Duell stetig hinzugewinnt. Er punktet vor allem bei den Unentschlossenen, wie sich zum Beispiel bei der Forschungsgruppe Wahlen zeigt: Während Merkel binnen einer Woche zwei Punkte auf 59 Prozent einbüßt, verbessert sich Steinmeier um vier Punkte auf 32 Prozent.

Unter diesen Gesichtspunkten zeigt die Charismakurve letztlich zwar eine für Steinmeier erfreuliche Entwicklung – er wird als Herausforderer wahrgenommen und akzeptiert. Mehr allerdings nicht. Angela Merkel kann indes auf ihren Amtsbonus bauen – Wertungen wie "markant" braucht sie da kaum.

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