Charité-Leiche : Wem gehört Rosa Luxemburg?

Am Grab von Rosa Luxemburg in Friedrichsfelde diskutieren Besucher: Macht es einen Unterschied, ob die Revolutionsführerin tatsächlich hier liegt? Der Berliner Charité-Rechtsmediziner Tsokos würde den Leichnam herausgeben, wenn sich herausstellt, dass es sich tatsächlich um Luxemburg handelt.

Thomas Loy,Jost Müller-Neuhof

Berlin - Mag sein, dass Geschichte wieder einmal um- oder neu geschrieben werden muss, weil im Keller der Berliner Charité der mutmaßliche Leichnam von Rosa Luxemburg aufgetaucht ist. Doch das ist hier erst mal egal: Am Grab von Rosa Luxemburg auf dem Sozialisten-Friedhof in Friedrichsfelde stehen am Samstag frische Rosen. Kleine Steine liegen verstreut auf der Grabplatte. Ob Rosa nun in ihrem Grab liegt oder nicht – „das sind alles verdiente Leute hier“, sagt ein Rentner. Jedes Jahr kommt er zum Gedenktag für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Eine Reisegruppe aus Dortmund hat aus aktuellem Anlass einen Abstecher zur „Gedenkstätte der Sozialisten“ gemacht. „An der Mystik des Ortes ändert das nichts“, meint eine Frau. Eine ältere Dame, „Jahrgang 1927“, hält es allerdings für einen „dicken Hund“, dass die richtige Rosa möglicherweise 90 Jahre lang in einer Vitrine der Charité gelegen hat statt in einem richtigen Grab. „Das ist doch verwerflich.“

Rosa Luxemburg jedenfalls ist jetzt das wichtigste Gesprächsthema unter den rund 30 Reisenden vom Sozialverband, Ortsgruppe Lütgendortmund. War sie nun Sozialistin oder Kommunistin? Und was ist überhaupt der Unterschied?

Vor weiteren historischen oder politischen Fragen steht aber eine ganz praktische: Wem gehört Rosa Luxemburg jetzt? Der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, hat sich bereit erklärt, den mutmaßlichen Leichnam von Rosa Luxemburg herauszugeben, wenn sich bestätigen sollte, dass es sich um Überreste der getöteten Sozialistin handelt. „Mir gehört der Korpus nicht“, sagte Tsokos am Samstag dem Tagesspiegel. „Ich bin sofort bereit, ihn herauszugeben, wenn rechtmäßige Ansprüche darauf bestehen.“ Tsokos räumte ein, dies sei auch für ihn bislang ein „einmaliger Fall“. Die Situation der möglichen Luxemburg-Leiche nannte er „juristisch ungeklärt“, gegenwärtig sei sie Objekt wissenschaftlicher Forschung. „Als Vergleich fällt mir da höchstens noch Ötzi ein“, sagte Tsokos in Anspielung auf die Gletschermumie aus der Jungsteinzeit.

Die ältesten Funde von Leichenüberresten, mit denen er sonst zu tun habe, stammten aus dem Zweiten Weltkrieg. „Darum kümmert sich die Kriegsgräberfürsorge.“ Er rechne nicht mit behördlichen Anfragen, ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren zu dem Fall gebe es nicht. Sollten die Behörden aber weitere Nachforschungen unterstützen, sei dies willkommen. Er selbst sei mit seinen Untersuchungen nicht mehr weitergekommen, weil DNA-Vergleichsmaterial fehle. „Offenbar hat Rosa Luxemburg so viele Briefe geschrieben, dass sie ihre Briefmarken immer nur mit Wasser befeuchtet und nie angeleckt hat.“

Sollte man sich nun darüber klar werden, dass es sich bei dem Fund um eine Leiche im Sinne des Berliner Bestattungsgesetzes handelt, so gilt: „Jede Leiche muss bestattet werden.“ Sogenannte „bestattungspflichtige Personen“, gemeint sind die direkten Angehörigen, gibt es jedoch nicht. In diesem Fall wäre das Bezirksamt dazu verpflichtet.

Wer sich auf politischer Ebene der Untersuchung annehmen soll, ist zumindest für die Linkspartei klar: niemand geringerer als der Bundespräsident oder mindestens die Bundesregierung. Leichenschau gehört indes nicht zu den Aufträgen von Verfassungsorganen. Einen Anknüpfungspunkt gäbe es nur, wenn man die Luxemburg-Beisetzung formal zu einem „Trauerstaatsakt“ erklärt. Der einschlägigen Anordnung von 1966 zufolge müsste Bundespräsident Horst Köhler darüber entscheiden, während das Innenministerium unter Wolfgang Schäuble die Feier organisiert. Knapp 40 solche Akte gab es in der Bundesrepublik, zumeist für Ex-Bundespräsidenten, Verfassungsgerichtspräsidenten, Kanzler oder Minister. Eine Ausnahme bildete der letzte Reichstagsabgeordnete Josef Felder, der für einen Luxemburg-Vergleich auch nur beschränkt taugt: Zwar gründete er einen Ortsverein der sozialistischen USPD mit, verließ ihn aber, als man sich dort den Kommunisten anschloss.

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