Politik : CHARKIW

Die 20 Meter hohe Lenin-Statue wird in Werbevideos gern wegretuschiert.

Aufstrebende Stadt. Charkiw gilt
Aufstrebende Stadt. Charkiw giltFoto: REUTERS

Schwerindustrie, viele Plattenbauten, kaum touristische Attraktionen: Charkiws (g)rauer Charme ist nicht jedermanns Sache. Dabei bieten seine monumentalen Straßen zumindest für Fans der Berliner Karl-Marx-Allee Sehenswertes. Die Geschichte der Stadt erzählt exemplarisch von den brachialen Dynamiken des vergangenen Jahrhunderts im Osten der Ukraine. Nach dem Ersten Weltkrieg war Charkiw bis 1934 zur Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik. Schon zuvor entwickelte sich die Stadt zur Experimentierwiese von Konstruktivisten und Futuristen, wovon immer noch das „Derzprom“ zeugt, zum Zeitpunkt seiner Erbauung 1928 eines der höchsten und modernsten Bürogebäude Europas. Es liegt am zwölf Hektar großen Freiheitsplatz, wo im Juni 2012 die größte Fanzone der Europameisterschaft geplant ist.

Nachdem Charkiw im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde, bauten es die Sowjets zur Musterstadt des aufstrebenden Riesenreichs und zum drittwichtigsten Industriestandort nach Moskau und dem heutigen St. Petersburg wieder auf. Seither blickt ein Lenin gewaltigen Ausmaßes über das Stadtzentrum, auch wenn die ukrainischen PR-Strategen die 20-Meter-Statue in Werbevideos gern wegretuschieren. Der Gigantomanie der Kommunisten verdankt Charkiw also seine bauliche Struktur, der Umtriebigkeit von Alexander Jaroslawski dagegen, dass es Spiele der EM austragen darf.

Die Vita Jaroslawskis bietet alle Bestandteile, die aus einem Geschäftsmann einen waschechten Oligarchen machen. Der Ursprung seines Vermögens ist unklar und liegt in den „wilden“ 90er Jahren. Er saß mehrere Jahre im ukrainischen Parlament und hält über seine Holding DCH Anteile an Bau-, Finanz- und Industriebetrieben. Viele von ihnen übernahm er zum Spottpreis, als Charkiw vom Zusammenbruch des Sowjetreichs hart erwischt wurde und die meisten Fabriken stillstanden. Er ist bekannt dafür, lieber die vielen Baustellen seiner Firmen persönlich zu überwachen, statt über südfranzösische Strände zu flanieren.

Zuletzt hatte der 49-Jährige, der sich mit jeder Regierung in Kiew zu arrangieren weiß, viel zu überwachen, neben dem neuen Flughafen und einem Teil des Metalist-Stadions baute er auch die meisten neuen Vier- und Fünfsternehotels der Stadt. Auf Anordnung der Fifa entstehen am Freiheitsplatz gegenüber der Lenin-Statue Luxustempel, deren Stil teilweise durchaus an die Bauweise der Konstruktivisten erinnert. Ein Kreis schließt sich – und der hemdsärmlige Jaroslawski gibt sich geschickt als Lokalpatriot. Wenn er durch Charkiw geht, werden viele Hände geschüttelt. Um die Macht streiten sich die Eliten aus Donezk, Kiew und dem Westen der Ukraine. Charkiw aber strebt wirtschaftlich nach vorne.

So hat es die Stadt vor allem dank ihrer industriellen Basis und der renommierten technischen Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren geschafft, sich aus dem Griff der in grauen Beton gegossenen Vergangenheit zu befreien. Mittlerweile finden die 1,5 Millionen Einwohner dort, je nach Erhebung, die höchste oder die zweithöchste Lebensqualität aller ukrainischen Städte vor. Das hätte auch dem streng über den Freiheitsplatz wachenden Lenin sicher gefallen. Nik Afanasjew

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