Politik : Charlotte Knobloch - Kandidatin mit strenger Hand

Amory Burchard

In den ersten Monaten nach dem Tod von Ignatz Bubis galt Charlotte Knobloch als "aussichtsreichste Kandidatin" für seine Nachfolge. Allerdings war die 66-Jährige einzige Kandidatin, bis Paul Spiegel mit in den Ring stieg. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde zu München schätzt ihre Chance nüchtern als "recht gut" ein: Dass sie eine Frau sei und einer traditionellen Kultusgemeinde vorstehe, könne "eine Rolle spielen - sowohl positiv wie negativ".

Knobloch möchte "aufgrund meiner Leistung" gewählt werden. Das berufliche Engagement der dreifachen Mutter ist seit Jahrzehnten auf die jüdische Gemeinschaft konzentriert: Sie ist Mitbegründerin der Zionistischen Frauenorganisation und der Altenbetreuung Münchener Juden. 1985 wurde sie Vorsitzende der Münchener Gemeinde. Einer ihrer Vorgänger war ihr Vater, der bekannte Münchener Rechtsanwalt Fritz Neuland, der den Nationalsozialismus als Zwangsarbeiter überlebte. Die Tochter konnte er vor seiner Verhaftung bei einer katholischen Bauernfamilie in Franken unterbringen, die das Mädchen bis zum Ende des Krieges versteckte.

Ihre Kandidatur für das Präsidentenamt hatte Knobloch Mitte September angemeldet, einen Monat nach dem überraschenden Tod des Vorsitzenden des Zentralrats. Zu früh sei sie angetreten, wurde dann intern kritisiert. Ihr Programm entspricht indes den Problemen der Juden in Deutschland: Die Integration der jüdischen Zuwanderer will sie befördern und sich für eine schnelle Entschädigung der Zwangsarbeiter einsetzen. Bislang ist Knobloch als "erste und einzige Frau" in Führungsämtern der jüdischen Gemeinschaft sehr erfolgreich: Gemeindevorsitzende wurde sie gegen zwei männliche Konkurrenten. Seitdem führt sie die Geschicke der 7000 Münchener Juden mit strenger Hand, wobei sie besonders auf die Einhaltung orthodoxer Riten achtet. Auf Wunsch von Ignatz Bubis wurde Knobloch 1997 einer seiner Vizepräsidenten.

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