Charlotte Knobloch : Zentralrat der Juden vor Generationswechsel

Spitzengremien beraten über Zukunft von Charlotte Knobloch. Ihr Verzicht auf eine weitere Amtszeit wäre eine Zäsur: Ihr Rückzug als Präsidentin wäre auch der Abschied der Generation der Holocaust-Überlebenden von dieser Spitzenfunktion.

Frankfurt am MainRuhestand war für Charlotte Knobloch auch mit 77 Jahren bislang kein Thema. Stets beteuerte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, wie sehr ihr das Amt Spaß mache: Solange sie gewählt werde, stehe sie zur Verfügung. So nähren die Berichte über Knoblochs angebliche Absicht, im Herbst nicht mehr für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, Spekulationen über Intrigen innerhalb der Zentralratsspitze. Für Sonntag, an dem in Frankfurt am Main das Direktorium des Zentralrats zusammenkommt, wird eine Entscheidung über einen möglichen Wechsel an der Verbandsspitze erwartet.

Während sich Knobloch und die Vizepräsidenten Salomon Korn und Dieter Graumann in Schweigen hüllen, sprach sich Präsidiumsmitglied Josef Schuster am Freitag offen für einen Führungswechsel aus. Dass ein Generationswechsel an der Spitze des Zentralrats kommen werde und müsse, stehe allein aus Altersgründen „außer Zweifel“, sagte Schuster, der auch Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern ist. Wenn dieser Wechsel zu einem Zeitpunkt komme, zu dem der Amtsvorgänger seinem Nachfolger noch Tipps geben könne, sei es „am wahrscheinlichsten, dass das ohne Brüche passiert“.

Knoblochs Verzicht auf eine weitere Amtszeit wäre aber auf jeden Fall eine Zäsur: Ihr Rückzug als Präsidentin wäre auch der Abschied der Generation der Holocaust-Überlebenden von dieser Spitzenfunktion. Graumann, der als Nachfolger gehandelt wird, wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Knobloch erlebte als kleines Mädchen den NS-Terror. Ihr Vater musste Zwangsarbeit leisten, ihre Großmutter wurde ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Knobloch selbst überlebte die NS-Schreckensherrschaft nur dank eines abenteuerlichen Versteckspiels. Von 1942 bis zum Kriegsende lebte sie bei einer katholischen Bauernfamilie in Mittelfranken und wurde als uneheliches Kind ausgegeben. Nach dem Krieg kehrte sie wie ihr Vater Fritz Neuland nach München zurück. 1951 wurde Neuland zum Präsidenten der dezimierten Münchner Jüdischen Gemeinde gewählt. Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Seit 2006 steht sie an der Spitze des Zentralrats.

Der Vorsitzende der Union progressiver Juden, Jan Mühlstein, hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass sich die Zentralratspräsidentin im Herbst zurückziehen wird. Ein Wechsel sei „ein ganz normaler demokratischen Vorgang“. Dass in den vergangenen Tagen über Knobloch „Indiskretionen lanciert“ worden seien, bezeichnete er zugleich als unerfreulich: „So etwas tut man einem Spitzenvertreter nicht an.“ Präsidiumsmitglied Schuster dagegen wies Spekulationen über Intrigen gegen Knobloch zurück. „Unterstützung wurde ihr nie verweigert“, betonte er und fügte hinzu: „Ich sehe keine Intrige.“ ddp

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