• Chefanklägerin des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals:"Ich habe keine Emotionen bei der Arbeit"

Politik : Chefanklägerin des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals:"Ich habe keine Emotionen bei der Arbeit"

epd

Im Auftrag der UN soll Carla del Ponte Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien aufdecken. Die 52-jährige folgt der Kanadierin Louise Arbour, die an den Obersten Gerichtshof ihres Landes.



Die Schweizer Bundesanwältin Carla del Ponte, die vom Weltsicherheitsrat in New York zur neuen Chefanklägerin des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals in Den Haag ernannt worden ist, gehört zu den wenigen streng bewachten Eidgenossen. Während selbst die Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss täglich ohne besondere Sicherheitsmaßnahmen im Bus zu ihrem Arbeitsplatz fährt, tritt die Juristin aus dem Tessin nur mit Leibwächtern auf.

Bevor sie 1994 zur Bundesanwältin ernannt worden war, hatte sie zusammen mit dem später ermordeten italienischen Richter Giovanni Falcone einen unerschrockenen Kampf gegen Drogenhandel und Geldwäsche der sizilianischen Mafia geführt. Ungeduld hält sie für ihre eigene größte Schwäche. 1989 entging sie bei einem Treffen mit Falcone bei Palermo nur knapp einem Sprengstoffanschlag.

Auch als Berner Bundesanwältin wurde sie zur gefürchteten Gegnerin organisierter Banden. Spionagefälle, Waffen- und Drogenhandel sowie politischer Terrorismus und Wirtschaftskriminalität sind ihr gefährliches Terrain. Dieser Hintergrund hat offenbar UN-Generalsekretär Kofi Annan dazu bewogen, die 52-Jährige dem Weltsicherheitsrat als Nachfolgerin für die zum 15. September ausscheidende Juristin Louise Arbour vorzuschlagen. Die Kanadierin will das für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien zuständige Tribunal verlassen, um an den Obersten Gerichtshof in Kanada zu wechseln.

Nicht immer war der Kampf gegen das Verbrechen von solchem Erfolg gekrönt. Als erste in Westeuropa wagte del Ponte in diesem Jahr die Anklage gegen einen mutmaßlichen Paten der russischen Mafia - und verlor. Im Prozess um angebliche Drogengelder des mexikanischen Präsidentenbruders Raul Salinas de Gortari bezog del Ponto eine Rüge vom obersten Schweizer Gericht. Bei der Konfiszierung von Konten habe sie ihre Befugnisse überschritten.

In der Schweiz hat die kleine, strenge Juristin die Meinungen polarisiert. Den einen imponierte ihre forsche Art. Um einer Indiskretion aus ihrem Hause auf die Spur zu kommen, ließ sie Reportertelefone abhören, mit Hausdurchsuchungen war sie schneller bei der Hand als andere. Vielen ging ihr Tatendrang deshalb zu weit. Sie warfen del Ponte Übereifer zu. Das lässt sie völlig kalt: "Ich habe keine Emotionen bei der Arbeit."

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