Chile : Pinochet-Anhänger attackieren TV-Reporterin

Tausende Anhänger der Militärdiktatur sind an Pinochets offenem Sarg vorbei gezogen. Dabei kam es zu einer Attacke gegen eine spanische Reporterin.

Santiago de Chile - Unterdessen zogen tausende Anhänger der Militärdiktatur an Pinochets offenem Sarg vorbei. Der in eine dunkelblaue Militäruniform gekleidete Leichnam war in der Militärakademie im Osten der Hauptstadt aufgebahrt. Die Pinochet-Anhänger gingen gewaltsam gegen eine Reporterin vor, die vor Ort für den spanischen Fernsehsender TVE berichtete. Dieser zeigte, wie ein Mann der Journalistin das Mikrofon entriss und vor laufender Kamera rief: "Spanier, Hurensöhne". Die Reporterin Maria José Ramudo wurde beschimpft und mit Gegenständen beworfen und musste ihre Reportage abbrechen. In der Nähe postierte Polizeikräfte schritten ihren Angaben zufolge nicht ein.

Etwa 200 Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen haben auf einem Platz in Santiago de Chile den Tod des chilenischen Militärmachthabers Augusto Pinochet gefeiert. Die Gruppierungen kündigten für Dienstag um eine weitere Kundgebung an. Sie soll zeitgleich zu der Beisetzung des früheren Staatschefs Pinochet stattfinden, der am Sonntag im Alter von 91 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben war. Patricia Silva, Vorsitzende einer chilenischen Menschenrechtsgruppe, deren Bruder unter der Militärdiktatur (1973 bis 1990) ermordet wurde, rief dazu auf, zahlreich zu den Protesten zu erscheinen. Kundgebungsort sollte das Denkmal für den von Pinochet gestürzten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende sein.

Tumult vor dem Präsidentenpalast

Eine Gruppe von Demonstranten versuchte zum Präsidentenpalast La Moneda vorzudringen, wurde daran jedoch durch Polizeikräfte gehindert. In der Nacht zum Dienstag gelang es einer Gruppe von etwa 20 Pinochet-Gegnern, an dem in der Nähe des Präsidentenpalasts gelegenen Allende-Denkmal brennende Kerzen aufzustellen. Mit der "einfachen Zeremonie" solle aller Opfer der Diktatur gedacht werden, sagte der Menschenrechtsanwalt Hugo Gutiérrez, der zu Pinochets Lebzeiten mehrere Verfahren gegen ihn anstrengte.

Die Regierung ordnete eine Beisetzung mit militärischen Ehren für Pinochet an, der bis 1998 Chef der Streitkräfte gewesen war. Einen Staatsakt oder Staatstrauer lehnte Chiles sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet ab. Sie und ihre Mutter waren unter Pinochet gefoltert worden. Ihr Vater starb in einem Gefängnis der Militärdiktatur.

Pinochet war am 11. September 1973 durch einen von den USA gestützten Militärputsch gegen den demokratisch gewählten Allende an die Macht gekommen. Laut dem Bericht eines Untersuchungsausschusses unter Vorsitz des sozialistischen Abgeordneten Raúl Rettig wurden während Pinochets Herrschaft knapp 3200 Menschen ermordet. Nachweislich wurden mindestens 28.000 Menschen gefoltert, vermutlich ist die Zahl der Folteropfer jedoch wesentlich höher. (tso/AFP)

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