China : Herrn Zhous Schwestern

Seit 57 Jahren lebt er in einem Lepradorf. Nonnen versorgen die Kranken. Und beten mit ihnen. Das darf in China nicht sein. Besuch im religiösen Untergrund.

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Katholiken feiern Mariä Himmelfahrt mit einer Prozession durch ein Dorf in der Provinz Hebei.
Katholiken feiern Mariä Himmelfahrt mit einer Prozession durch ein Dorf in der Provinz Hebei.Foto: Siegfried Grillmeyer

Als Herr Zhou noch ein Junge von 17 Jahren war, wurde er krank. Auf Armen und Beinen bildeten sich Flecken, es sah aus wie eine Hautkrankheit. Doch dann kamen Knoten hinzu. Da wollte ihn niemand mehr in der Nähe haben. Seine Eltern nicht und auch die Geschwister nicht. Die Nachbarn wichen ihm aus, die anderen Jugendlichen mieden ihn. Er packte ein Bündel Wäsche und ging fort.

Das Dorf, die Lehmhütten, die Felder waren sein Zuhause. Wo sollte er hin? Die Welt war aus den Fugen geraten. Auch die Welt da draußen. Es hatte einen großen Krieg gegeben und eine Revolution, Millionen Menschen waren verhungert und getötet worden. China hatte einen neuen Herrscher, in Peking gab es jetzt große Aufmärsche mit Jubelchören. Auch in der Welt von Herrn Zhou, mit dem Zug mehrere Tagesreisen von Peking entfernt, hatte man Plakate mit dem Gesicht Mao Zedongs aufgehängt. Aber hier wusste keiner so genau, was die neue Zeit bringen wird außer Unsicherheit und Angst. Denn wer nicht mitjubeln wollte, wurde abgeholt und verschwand. Wer wollte da einem kranken Jungen auf Wanderschaft helfen? Wo er auch fragte, hieß es, er solle verschwinden, am besten in das Dorf in den Bergen. Man hatte gehört, da würde es noch mehr von seiner Sorte geben.

Die Menschen gruselten sich vor dem Dorf in den Bergen wie vor einem bösen Geist. Und als Herr Zhou durch das große steinerne Tor am Eingang gegangen war, gruselte auch er sich. Er begegnete Menschen, die hatten statt Händen und Füßen unförmige Klumpen an Armen und Beinen, er schaute in leere Augenhöhlen, und es stank fürchterlich. Nach Abfall, Dreck und nach Wunden, die nicht heilen wollen. Dies war also der Ort auf der Welt, den man für ihn bestimmt hatte. Das Lepradorf. Herr Zhou war angekommen.

Lepra ist eine der ältesten Krankheiten der Menschheit. Sie hat sich vermutlich schon vor Zehntausenden von Jahren von Afrika aus nach Europa und in den asiatischen Raum ausgebreitet. Die Krankheit wird von Bakterien hervorgerufen, sie töten Nervenzellen ab, verdicken das Blut und verstopfen die Blutbahnen. Weil die Kranken an den befallenen Stellen nichts mehr spüren, verletzen sie sich unbemerkt. Wenn die Wunden nicht behandelt werden und sich entzünden, können Körperteile absterben. Lepra ist ansteckend, wer sich infizierte, musste schon zu biblischen Zeiten außerhalb der menschlichen Siedlungen leben und war sich selbst überlassen. Damit sich keiner nähert, mussten die „Aussätzigen“ im Mittelalter durch Rasseln und Klappern auf sich aufmerksam machen. Dort, wo die Menschen mehr zu essen haben und mehr auf Sauberkeit achten, ist die Lepra mittlerweile ausgestorben. Heute ist die Krankheit auch heilbar. Dennoch geht die Weltgesundheitsorganisation von jährlich 12 bis 15 Millionen Neuinfektionen aus, vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika. In China erkranken jährlich etwa 1600 Menschen neu an Lepra. Im weltweiten Vergleich ist das nicht viel. Im Vergleich zu den entwickelten Ländern schon.

Herr Zhou ist 74 Jahre alt. Er hat das Dorf in den Bergen nicht mehr verlassen, seine Eltern und seine Geschwister hat er nie mehr gesehen. Doch Herr Zhou klagt nicht. Als er Anfang der 50er Jahre kam, lebten hier über 3000 Menschen, sie teilten sich zu sechst ein Zimmer in einer Lehmhütte. Das Dorf war isoliert, es hatte eine eigene Schule, eine eigene Infrastruktur, sogar eine eigene Währung. Ärzte verirrten sich nur selten hierher, und wenn, dann legten sie Verbandsmaterial lediglich vor dem Eingangstor ab. Herr Zhou besuchte die Schule und arbeitete in der Verwaltung des Dorfes. Aber die Lepra ließ ihm keine Ruhe. Sie machte sich über Haare, Haut und Augenbrauen her, sie fraß ihm Finger und Zehen weg. Doch Herr Zhou klagt nicht. Nicht über sein enges Zimmer ohne Heizung, nicht darüber, dass es im ganzen Dorf keine Kanalisation gibt, keine Toiletten und keine Waschräume. Dass die Menschen auf nacktem Boden leben und einige inmitten von dreckigen Kleidern, schimmelnden Essensresten und vollen Bettschüsseln. „Mein Leben ist gut“, sagt Herr Zhou. Hier sei er unter seinesgleichen. Das sei doch besser als geächtet zu werden. Außerdem sind die Häuser nicht mehr aus Lehm, sondern aus rotem Backstein, und da nur noch 270 Menschen hier leben, hat jeder seinen eigenen Raum. Aber der größte Fortschritt, und der ist noch wichtiger, als ein Zimmer für sich zu haben, wichtiger als die Glühbirne und der Fernseher, der größte Fortschritt, das sind: die Nonnen. Sie haben Herrn Zhou nicht nur Verbände und Medikamente gebracht, sondern Aufmerksamkeit. Die Nonnen! Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass jemand so gut zu ihm ist.

Die Nonnen, das sind Schwester Wang und ihre vier Mitschwestern. Seit sieben Jahren sind sie bei den Leprakranken in den Bergen. Und das ist eine Revolution. Denn die Kommunisten wollten Schluss machen mit Religion. Orden wurden verboten, Priester und Bischöfe durften nur noch Gottesdienste abhalten, wenn sie sich der „Patriotischen Vereinigung“ unterstellten und damit der Kontrolle der Partei. Viele Priester und Gläubige akzeptierten die Bevormundung nicht und gingen in den Untergrund. Und so gibt es in China „offizielle“ Kirchen und Untergrundkirchen.

Während der Kulturrevolution 1966 bis 1976, als die Roten Garden durch die Städte marschierten und die Gesellschaft mit Gewalt umformen wollten, gerieten die Religionsgemeinschaften erneut ins Visier. Nonnen, Mönche und Priester wurden verhaftet und umgebracht, Tempel und Kirchen zerstört. Danach schien es, als hätte sich das Thema Religion tatsächlich erledigt. Doch das Bedürfnis nach Spiritualität ließ sich nicht so einfach ausrotten. Selbst drakonische Strafen konnten nicht verhindern, dass sich Menschen nach etwas sehnen, das größer ist als sie selbst, als der triste Alltag, dass sie nach etwas suchen, was ihnen Geborgenheit und ihrem Leben Sinn gibt. Das war in der DDR so, in der Sowjetunion und auch in der noch viel rigoroseren Volksrepublik China. 1982 stellte die Kommunistische Partei Chinas fest, dass Religion zwar ein überwundenes Phänomen sei, aber das Bewusstsein der Menschen hinter der Realität herhinke. Deng Xiaoping liberalisierte die Religionspolitik daraufhin ein wenig und gab der offiziellen, „patriotischen“ Kirche die Gotteshäuser zurück, die die Revolution überlebt hatten. 2004 betonte der Staatsrat nochmal, dass religiöse Aktivitäten nur in staatlich überwachten Einrichtungen erlaubt und Verbindungen ins Ausland verboten sind. Nach wie vor sitzen Bischöfe und Priester in den Gefängnissen.

Die Schwestern im Lepradorf tragen keine Nonnentracht, sondern Jeans und Pullover. Sie sind Chinesinnen und kennen das System. Sie wollen nicht auffallen, nichts tun, was ihren prekären Status gefährden könnte. Deshalb mag Schwester Wang auch nicht über Glaubensdinge reden. Dass eine Journalistin hierher kommt, war sowieso nicht vorgesehen. Wo das Lepradorf genau liegt, sollte man besser nicht schreiben, und Schwester Wang heißt in Wahrheit auch anders. Sie verabschiedet sich jetzt lieber, zieht Handschuhe, Mundschutz und einen Kittel an und eilt hinüber zur Krankenstation.

Auf ein paar abgeschabten Bänken warten schon die ersten Kranken und halten den Schwestern ihre Wunden hin, die oft tellergroß sind und auf deren Grund man das Weiß der Knochen sieht. Bei den meisten hier ist die Lepra ausgeheilt. Aber weil sie nichts fühlen, verletzen sie sich immer wieder. Die Schwestern reinigen täglich die Wunden, aber vor allem: Sie hören zu, sie sprechen und scherzen mit ihren Patienten. Sie zeigen ihnen, dass sie liebenswerte Menschen sind, trotz ihrer Verstümmelungen. Das ist viel. Dadurch machen sie auch den Menschen draußen deutlich: Leprakranke sind keine Monster. Denn nach wie vor ist die Angst vor ihnen groß. Dass die Geheilten zu ihren Familien zurückkehren, ist undenkbar.

Es ist kalt an diesem Herbsttag in den Bergen. Der Wind raschelt in Maisfeldern und Walnussbäumen, Regen bringt Palmblätter zum Wippen und hüllt die Gipfel in Nebel. Herr Zhou hat Briketts in seinem kleinen gusseisernen Ofen angezündet. Aber jetzt ist es Zeit, die Schuhe zu binden und sich auf den Weg zu machen. Auch aus den anderen Zimmern kommen Männer und Frauen herbei, manche humpeln, andere stützen sich auf Krücken. Ihr Ziel ist eine unscheinbare, weiß getünchte Halle auf der anderen Seite der Dorfstraße. Es ist Samstagnachmittag, und wie immer um diese Zeit trägt Schwester Wang schwer an einer elektrischen Orgel, und die anderen Nonnen arrangieren auf einem Tisch in der Halle ein kleines goldenes Kruzifix und einen Kelch mit Hostien. Wenn alles bereitet ist, greift Schwester Liu in die Tasten der Orgel, und der Raum füllt sich mit Gesang aus Dutzenden Kehlen. Nicht jeder trifft den Ton, aber alle singen voller Gefühl. Dann betritt ein junger Mann in schwarzem Anzug und Priesterkragen die Halle. Er zieht sich das Messgewand über und feiert mit den Kranken und den Schwestern einen katholischen Gottesdienst.

Wissen die Behörden von dieser Messe am Samstag? Werden die Schwestern überwacht? Darf man überhaupt darüber schreiben? „Sie dürfen alles schreiben, was Sie sehen“, hatte jener Jesuitenpater gesagt, der die Schwestern mit Geld aus dem Westen und Selbstbewusstsein unterstützt. Es zeugt von dem Willen, sich nicht mehr in allem klein zu machen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. „Vor zwei Jahren wäre ein solcher Gottesdienst noch nicht möglich gewesen. Jetzt schon.“ Das sagt der Priester, der den Gottesdienst gefeiert hat. Er hat in Rom studiert und in den USA Englisch gelernt, bevor er in seine Heimatstadt, eine Autostunde vom Lepradorf entfernt, zurückgekehrt ist. Vor der Gründung der Volksrepublik war sein Heimatdorf fest in katholischer Hand, sonntags ging man in die Kathedrale, es gab ein christliches Altenheim, ein Waisenhaus und eine Schule. In der Kulturrevolution wurde alles kaputt geschlagen. Heute leben in seiner Diözese drei Millionen Menschen, 30 000 sind Katholiken und noch viel mehr Protestanten. Es gibt wieder viele Kirchen.

Ob er zur offiziellen, „patriotischen“ Kirche Chinas oder zur Untergrundkirche gehört? Der Priester zieht die Augenbrauen hoch. Patriotische Kirche? Untergrundkirche? Er verstehe die Frage nicht, sagt er. Vielleicht will er sie auch nicht verstehen, um sich, die Schwestern und das Lepradorf nicht zu gefährden. Vielleicht versteht er sie auch wirklich nicht, weil die Gegensätze zwischen Untergrundkirche und offizieller Kirche kleiner geworden sind. Weil die Kommunistische Partei Bischöfe neuerdings nicht mehr gegen den Vatikan ernennt, sondern in Abstimmung mit Rom. Weil Benedikt XVI. die chinesischen Katholiken aufgefordert hat, Gräben untereinander zuzuschütten und die im Untergrund gebeten hat, aufzutauchen. Weil in einigen Provinzen seitdem Untergrund- und offizielle Priester in einem Pfarrhaus leben. Weil. Aber. In einigen Provinzen ist den Priestern das „Auftauchen“ schlecht bekommen, sie sitzen im Gefängnis. Die Verunsicherung ist groß. Das hält die Menschen aber nicht davon ab, sich für Religionen zu begeistern.

„Die Chinesen haben eine große Sehnsucht nach Spiritualität“, hatte der amerikanische Journalist Paul Mooney eine Woche zuvor in Peking gesagt. Der chinesische Turbokapitalismus und die Kälte, mit der Partei und Staatsführung das Land modernisieren, reißen Dörfer und Familien auseinander, Millionen bleiben entwurzelt zurück. „Wir haben große Angst, dass unsere Jugend die moralischen Maßstäbe verliert, wenn es nur noch um Materialismus geht“, hatte auch Choi Chi Yuk von der South China Morning Post gesagt.

2007 fand die East China Normal University heraus, dass ein Viertel der 1,3 Milliarden Chinesen religiös ist. Neureiche Städter entdecken den Buddhismus, die Kirchen boomen in ländlichen Regionen. Staatliche Schätzungen gehen von 23 Millionen Protestanten und sechs Millionen Katholiken aus. Allein in den vergangenen sieben Jahren sind acht Millionen Chinesen evangelisch geworden. Die Kirchen sprechen von über 50 Millionen Protestanten und 15 Millionen Katholiken. Zum Vergleich: Die Kommunistische Partei hat 70 Millionen Mitglieder. Bald gibt es mehr Christen als Kommunisten in China.

Die Partei reagiert auf das wachsende spirituelle Bedürfnis. Sie toleriert die Kirchen etwas mehr und gründet Konfuzius-Institute. Auch ist neuerdings ganz in Konfuzius' Sinne viel von der „harmonischen“ Gesellschaft die Rede. Journalist Mooney ist skeptisch: „Wenn sich die Partei Harmonie wünscht, meint sie Loyalität und Gehorsam.“

Im Dorf in den Bergen ist es Abend geworden. Bei Herrn Zhou duftet es nach Reis und Mais, den er auf dem kleinen Ofen zubereitet hat. Er sitzt auf dem Bett, schaltet die Glühbirne ein und zeigt auf das Buch, das neben ihm liegt. Es ist dick und schwarz eingebunden. Es ist die Bibel. Ein Besucher hat sie ihm mitgebracht. Früher kannte Herr Zhou nur den Buddhismus. Dann kamen die Schwestern. Da sei er neugierig geworden. Schwester Wang sitzt auf einem Schemel und nickt und streicht verlegen über ihre Jogginghose. Sie ist ans Zupacken gewöhnt, nicht an Lob. Oder ist sie unsicher, weil die Besucherin Unpassendes schreiben könnte? Dass Herr Zhou zum Christentum gefunden hat, könnte den Schwestern vorgeworfen werden. Missionieren ist verboten.

Wahrscheinlich aber nehmen das die Behörden mittlerweile hin – sozusagen als Kollateralschaden. Denn dass sich die Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen um Kranke und Schwache kümmern, für Leprakranke sorgen, für die wachsende Zahl von Aidsinfizierten und um Millionen zurückgelassener Kinder von Wanderarbeitern, das ist dem Staat recht. Jahr für Jahr werden die Lepra-Schwestern von der Gesundheitsbehörde für ihre Pflegedienste ausgezeichnet. Auch die Medikamente bezahlt zum Teil der Staat. Aber nach wie vor ist ihre Arbeit nicht offiziell registriert, die Nonnen sind nur geduldet – als Pflegekräfte, mehr nicht.

„Niemand weiß, wo die Grenze des Erlaubten ist und wann man sie überschreitet“, hatte ein Professor in Peking gesagt. Klar sei lediglich, dass nichts klar ist. Herrn Zhou kümmert das alles nicht mehr. Er gehöre nun zu einer Gemeinschaft, die viel größer ist als das Dorf, das er nie mehr verlassen wird, sagt er. Und wie er jetzt zu Schwester Wang schaut, da ist sein Gesicht, das die Krankheit so gezeichnet hat, ein seliges Strahlen.

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