China : Junge Tibeter stellen den Kurs des Dalai Lama infrage

Nach fast 50 Jahren gewaltlosen Protests glauben immer mehr junge Exilanten, dass die Politik des Dalai Lama scheitern könnte. Sie formulieren jetzt radikalere Forderungen.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Konchok Yangphel ist müde. In der vergangenen Woche hat er mit 50 anderen Exiltibetern die chinesische Botschaft in Indiens Hauptstadt Delhi mit Steinen attackiert. Sie wurden für einige Stunden festgenommen. Der 29-jährige Exiltibeter weiß, dass er sich damit vom Kurs des friedvollen Protests des Dalai Lama abwendet. Und er spricht aus, was immer mehr junge Tibeter denken: Die Politik des Dalai Lama drohe fehlzuschlagen und den Chinesen in die Hände zu spielen. Der Konflikt um den Kurs der tibetischen Freiheitsbewegung trat offen zutage, als der 72-jährige Dalai Lama in Dharamsala, dem Sitz seiner tibetische Exilregierung, seinen Rücktritt als weltlicher Führer androhte, sollten die Tibeter den Weg der Gewaltlosigkeit verlassen. „Wenn die Dinge außer Kontrolle geraten, ist ein Rücktritt die einzige Option“, sagte er.

Heike Holbig vom Giga-Institut für Asienstudien in Hamburg sieht darin einen Beleg für den „wachsenden Dissens im tibetischen Lager“. Die „New York Times“ zitiert den 29-jährigen Onpo Lobsang in Dharamsala mit den Worten: „Der Dalai Lama ist unser Anführer. Aber wir müssen nicht auf alles hören, was er sagt. Er ist ein buddhistischer Mönch, wir sind normale Männer.“

Die Welt feiert das spirituelle Oberhaupt der Tibeter für seine Politik des Gewaltverzichts. Dafür bekam er auch 1989 den Friedensnobelpreis. Aber gebracht hat es den Tibetern wenig. „In den Herzen der Jugend brennt das Feuer der Freiheit“, sagt Yangphel, der dem Tibetischen Jugendkongress mit weltweit 35 000 Mitgliedern angehört. Doch auch er geht nicht so weit, den Führungsanspruch des Dalai Lama infrage zu stellen. „Der Dalai Lama ist unser Oberhaupt. Solange er lebt, werden wir seinen Kurs respektieren“, sagt Yangphel. „Aber niemand weiß, ob nach seinem Tod die Proteste in Gewalt umschlagen. „Die Olympischen Spiele stehen für Freundschaft und Toleranz zwischen den Völkern“, sagt Yangphel. Wie könne die Welt ein Sportspektakel in Peking feiern, wenn im selben Land die Menschenrechte mit Füßen getreten würden. „Die Welt muss Druck auf Peking machen und notfalls auch mit Boykott drohen“, fordert er.

Die Proteste, vor allem militantere, bringen auch Indien in die Bredouille. Mit 100 000 Flüchtlingen beherbergt es weltweit die meisten Tibeter. Seit 1959 gewährt es dem Dalai Lama Exil. Zwar sympathisiert Delhi mit dem Anliegen, aber es will auch störungsfreie Kontakte zu Peking. Deshalb stoppte Delhi einen Protestmarsch von Exiltibetern zur chinesischen Grenze.

Ein kleiner Mönch mit einem runden Gesicht trägt ein schwarzes Trauerband um die Stirn. Tenpa Phuntsok hat wie viele Exiltibeter Angst vor einem Massaker in Tibet. Aus der Hauptstadt Lhasa dringen kaum noch Informationen. Aber er rüttelt nicht am Kurs des Dalai Lama. „Wir müssen kämpfen – aber friedvoll.“

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