Politik : Chinas jüngster politischer Gefangener

Harald Maass

Heute vor fünf Jahren ließ Peking den Panchen Lama in Tibet verschwinden, um eine Marionette zu installieren. Doch der rechtmäßige Amtsinhaber ist nicht vergessenHarald Maass

Mehrere Tage mussten die Mönche am Ufer des Lhamo Latso warten, ehe der heilige See im tibetischen Hochland das langersehnte Zeichen gab. In "allen Farben des Regenbogens" habe sich das Wasser verfärbt, notierten die heiligen Männer des Tashilhunpo Klosters. Magische geometrische Formen und Mandalas seinen plötzlich erschienen, die Wasseroberfläche habe merkwürdig gebrodelt. Damit war die Entscheidung gefallen: Am 14. Mai 1995 erklärte der Dalai Lama den sechsjährigen Hirtenjungen Gendün Chökyi Nyima zur elften Wiedergeburt des Panchen Lama. Drei Tage währte die Freude in Tibet über die glückliche Reinkarnation, dann wurden Chökyi Nyima und seine Eltern von der chinesischen Sicherheitspolizei verschleppt.

Dies ist die Geschichte eines alten Kampfes. Einer verbitterten Fehde um Macht und Einfluss, die seit Jahrhunderten in Tibet unter dem Deckmantel der Religion ausgetragen wird. Es ist ein Spiel mit Lebenden Buddhas und kleinen Jungen als Schachfiguren in einer Partie, bei der schon Chinas Kaiser, mongolische Kriegsherren und europäische Kolonialmächte das stolze Himalajaland unter ihre Kontrolle bringen wollten. Die Spielregeln sind die gleichen wie früher: Wer Tibet regieren will, muss die Religion und die Lamas kontrollieren. Deshalb musste Chökyi Nyima verschwinden. Deshalb sitzen die Mönche, die damals bei der Auswahl des Jungen beteiligt waren, bis heute in chinesischen Arbeitslagern.

Pekings eigenes "Gott-Kind"

Shigatse, 3900 Meter hoch im Himalaja gelegen, ist seit drei Jahrhunderten der Amts- und Wohnsitz des Panchen Lama, dem zweithöchsten religiösen Führer der Tibetaner. Und ist es noch immer - behaupten zumindest Pekings Kommunisten. Im November 1995, kurz nach der Entführung von Chökyi Nyima, ließ China ein anderes "Gott Kind" als Panchen Lama einsetzen: Gyaincain Norbu, den Sohn eines KP-Mitgliedes. Um ausländische Beobachter und die tibetische Bevölkerung zur verwirren, wurde er nach den alten Gebräuchen ernannt. Allerdings um einen Punkt erweitert. Der Junge musste in einer Audienz bei Staats- und Parteichef Jiang Zemin sagen: "Ich danke dem Zentralkomitee der Partei und Präsident Jiang. Ich bin entschlossen, gewissenhaft zu lernen und zu einem Lebenden Buddha zu werden, der Vaterland und Buddhismus liebt." Jiang Zemin lächelte zufrieden.

Chinas Führer glaubten gewonnen zu haben. Mit der Kontrolle des Panchen Lama, der von ausgewählten "patriotischen Mönchen" aufgezogen wird, soll der Einfluss des Dalai Lamas und der Exiltibetaner endgültig gebrochen werden. Stirbt der 65-jährige Dalai Lama, übernimmt traditionell der Panchen Lama die religiöse Führung der Tibetaner; bei der Suche nach der Wiedergeburt des Dalai Lama kann er ein Mitspracherecht einfordern. Für die tibetische Kultur, fürchten viele, wäre dies das Ende: Mit dem Panchen Lama als Marionette könnte Peking die Klöster und die sechs Millionen gläubigen Tibetaner manipulieren. "Sie könnten die Institution des Dalai Lama auch völlig abschaffen", warnte der Dalai Lama vor kurzem in einem Interview. Ein Schiismus droht: die Zersplitterung des Glaubens und damit der tibetischen Kultur.

Mönche beten heimlich

Wird Pekings Schachzug diesmal gelingen? Der Karmapa Lama, nach dem Dalai Lama und dem Panchen Lama der dritthöchste Lebende Buddha, ist Anfang Januar aus der Umarmung der Chinesen nach Indien ins Exil geflüchtet. Obwohl Peking die Klöster mit Spitzeln unterwandert hat und den Druck auf das Volk verstärkt, weigern sich die meisten Tibeter bis heute, den chinesischen Panchen Lama als rechtmäßige Wiedergeburt anzuerkennen. Heimlich beten viele in ihren Zelten und Hütten zu Fotos des verschwundenen Chökyi Nyima. In vielen Klöstern boykottieren die Mönche den Pekinger Knaben, indem sie einfach die Fotos des alten, des 10. Panchen Lama, aufhängen. "Unser religiöser Führer ist der Dalai Lama", sagt ein Mönch in Lhasa. "Der Peking-Junge ist für uns nur eine Puppe der Chinesen."

Was ist aus Chökyi Nyima geworden? 1996 räumte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua ein, dass die Regierung den Jungen angeblich zum Schutz vor "tibetischen Separatisten" in Gewahrsam genommen habe. Seit fünf Jahren gibt es von dem heute Elfjährigen, den manche als jüngsten politischen Gefangenen bezeichnen, kein Lebenszeichen mehr. Pekings Religionsbeamte versichern zwar, der Junge sei "bei bester Gesundheit" und führe ein normales Leben. Anfragen von den Vereinten Nationen und Kinderhilfsorganisationen, die den Jungen sehen wollten, wurden jedoch stets abgelehnt. Im vergangenen Sommer tauchten Gerüchte auf, dass der Junge in einem Gefängnis der Provinz Gansu gestorben sein soll. Peking dementierte.

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