Politik : Chinesisch-amerikanische Krise: "Wir haben verloren"

Malte Lehming

Amerika feiert. Das sind Bilder, wie sie gerne gesehen werden: jubelnde, fänchenschwenkende Soldaten, die gerade aus der chinesischen Hölle befreit wurden. Dazu werden glückliche Eltern eingeblendet, die sich bei Präsident George W. Bush für die kühne, kluge Rettungsaktion bedanken. Bush freut sich natürlich darüber und ist erleichtert. Ihm hallt es von überall entgegen, er habe seinen ersten außenpolitischen Test mit Bravour bestanden. Ein diplomatisches Meisterstück sei dieser Brief gewesen, den nicht einmal er selbst unterzeichnen musste, sondern lediglich der famose US-Botschafter in Peking, Joseph Prueher. Bush im Glück, nach elf Tagen Krise. Seine Brust ist dementsprechend geschwellt. Die Foderung der Chinesen nach einer förmlichen Entschuldigung? Einfach abgeschlagen! Überlistet wurden sie durch eine linguistische Finesse.

Doch unter der Politur sieht man Kratzer auf diesem Bild. Und auch Bush, dessen Ton unmittelbar nach der Freilassung der 24 Soldaten gegenüber China wieder härter wurde, scheint zu spüren, dass er erpressbar war. Warum hat eigentlich er nachgeben müssen und nicht umgekehrt China? Hat das nicht die Lage auf den Kopf gestellt?Ein hasardierender chinesischer Pilot hat mutwillig das Leben von 24 amerikanischen Soldaten riskiert, die sich über internationalem Luftraum befanden. Deren Fluzeug wäre beinahe abgestürzt und konnte nur mit Mühe notlanden. Daraufhin wird die Besatzung elf Tage lang als Geisel genommen, das Flugzeug geplündert - und für all das drückt Bush sein tiefes Bedauern aus?

Die amerikanische Diplomatie in diesem Konflikt war eindeutig von Wirtschaftsinteressen geleitet sowie dem Willen, die Flugzeugbesatzung schnell nach Hause zu holen. Die Aussicht darauf, in den wichtigen Anfangswochen einer Präsidentschaft von einer außenpolitischen Krise gelähmt zu werden: Das hat Bush weich gemacht.

Deshalb dreht sich nun der Wind. "We lost", heißt die Überschrift zu einem Editorial, das am Donnerstag in der "Washington Post" erschien. "Wir können uns so oft, wie wir wollen, auf die Schulter klopfen, aber in Wahrheit haben wir eine schwere Schlappe erlitten", schreiben die beiden konservativen Autoren. "Wir haben nicht nur das Gesicht verloren, sondern auch unserer Glaubwürdigkeit geschadet, immer für die Gerechtigkeit und die Moral einzutreten." Die Lehre aus dieser Krise, die auch Saddam Hussein ziehen könnte, sei einfach: Sei hart und bluffe ein bisschen, dann kuscht Bush.

Um diesem Eindruck entgegenzutreten, wird allgemein erwartet, dass Bush sich für seine Nachgiebigkeit bei den Chinesen bald rächt. Als Erstes könnte er die Spionageflüge umgehend wieder aufnehmen, als Nächstes beschließen, Waffen an Taiwan zu liefern. Außerdem könnte er dafür sorgen, dass die Olympischen Spiele im Jahre 2008 nicht nach China kommen. Die heimgekehrten Soldaten mögen in Amerika gefeiert werden, beendet ist die Krise noch nicht.

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