Politik : Chirac – Held der Araber

Gemäßigte Kräfte identifizieren sich mit Frankreichs Irak-Politik. Sie üben scharfe Kritik an den eigenen Regierungen

Andrea Nüsse[Amman]

Die Demonstrantin vor der Universität in Kairo hält ein großes Schild in die Höhe: „Vive la France“ heißt es da und: „Arab leaders go to hell“. Damit drückt die Gegnerin eines Irak-Krieges aus, was viele Araber denken. Das Schweigen der arabischen Regierungen, die zum großen Teil ihr Territorium für den amerikanischen Aufmarsch zur Verfügung gestellt haben, hat die breite Kluft zwischen Bevölkerungen und Führern in der arabischen Welt weiter vertieft. Die Menschen fühlen ihre Interessen besser von der französischen Regierung vertreten, die zusammen mit Deutschland und Russland versucht, die amerikanischen Kriegspläne aufzuhalten. Das Aufbäumen des „alten Europa“ gegen die US-Politik wurde in den arabischen Medien breit wahrgenommen, der Kontrast zum „Kopf-in-den-Sand-stecken“ der arabischen Regierungen herausgestellt.

Die Folge ist nach Ansicht von Beobachtern zweierlei: Da die Menschen in der arabischen Welt ihren Unmut nicht einmal frei ausdrücken dürfen, besteht die Gefahr einer weiteren Radikalisierung und Islamisierung. Die Islamisten sind die politische Kraft, welche die Opposition gegen die US-Politik am erfolgreichsten verkörpert. Doch liberale Kräfte, die für ein säkulares, demokratisches System in den arabischen Ländern eintreten, haben mit dem Widerstand einiger europäischer Regierungen neue Hoffnung geschöpft. „Das ist ein überraschendes Geschenk“, meint der jordanische Anwalt und Menschenrechtler Assem Omari im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Wenn die Europäer sich widerstandslos den amerikanischen Plänen angeschlossen hätten, wären Menschen wie ich für Jahre mundtot gemacht worden.“ Als Verfechter eines politischen Systems nach westlichem Vorbild wäre er bei einem europäisch-amerikanischem Schulterschluß in der Irak-Krise leicht als „Verräter“ gebrandmarkt worden, glaubt er. Frankreich und Deutschland hätten mit ihrem „Veto“ mehr Einfluß auf die innerarabischen Entwicklungen genommen als in 20 Jahren Diplomatie, meint der Anwalt.

Die aus dem Libanon stammende Mitarbeiterin des französischen Forschungsinstituts IFPO in Amman, Hana Jaber, sieht dies ähnlich: „Der europäische Widerstand hat den politischen Kräften in unserer Region eine andere Perspektive als den Islamismus und die Radikalisierung eröffnet“, meint sie. Liberale Gruppen würden heute angesichts der Unreformierbarkeit der arabischen Regime und der als Araber-feindlich eingestuften amerikanischen Politik in der Region teilweise die „politischen Aktionen“ radikaler Gruppen unterstützen. Die Radikalisierung erscheine vielen als einzige Perspektive. Die kontroverse Debatte in Europa über die Irak-Krise zeige den Menschen in der arabischen Welt, dass sie nicht allein gegen den Rest der Welt stehen. „Dies wird den liberalen Kräften in der Region Auftrieb geben“, hofft sie.

Weil die islamistischen Kräfte dies möglicherweise fürchten, spielen sie die Meinungsunterschiede im Westen herunter. Für eine Bewegung, welche die Welt in Gut und Böse einteilt, ist es leichter, einem feindlichen Block gegenüberzustehen. So warnte der führende islamistische Kommentator Fahmi Howeidi in der halboffiziellen ägyptischen Tageszeitung „Al Ahram“ davor, zu große Hoffnungen auf Europa zu setzen. Zwar seien die Rollen zwischen Amerika und den Europäern diesmal andersherum verteilt als nach dem Ersten Weltkrieg: Damals setzte die arabische Welt auf die Prinzipien für Selbstbestimmung des US-Präsidenten Wilson, um die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien abzuschütteln. Dennoch sei heute der Unterschied zwischen beiden Positionen „nicht groß“. Entscheidend sei nicht die „Identität der Täter“, versucht er die Unterschiede zwischen der amerikanischen Haltung und dem französischen und deutschen Widerspruch zu nivellieren. Entscheidend sei die „Identität der Opfer“ und die seien „wir", die Araber.

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