Politik : Christa Nickels im Gespräch: "Es gibt keinen ungefährlichen Alkoholkonsum"

Frau Nickels[warum sollte sich die Öffentlic]

Alkoholkonsum der Mütter während der Schwangerschaft schädigt das ungeborene Leben. Die Kinder kommen krank zur Welt und haben oft lebenslang mit schweren Nachteilen zu kämpfen. Der Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes, der am heutigen Samstag begangen wird, soll die Öffentlichkeit für dieses bislang wenig bekannte Problem sensibilisieren. Darüber sprach Martin Gehlen mit Christa Nickels (Grüne), der Drogenbeauftragten der Bundesregierung.



Frau Nickels, warum sollte sich die Öffentlichkeit stärker als bisher mit der Alkoholembryopathie beschäftigen, also der Schädigung Ungeborener durch Alkoholgenuss der Mutter während der Schwangerschaft?

Alkoholembryopathie ist die häufigste Ursache angeborener geistiger Behinderung - und sie ist zu hundert Prozent vermeidbar. Es ist erschreckend, wie wenige Menschen wissen, dass Alkohol in der Schwangerschaft das Ungeborene schädigt. Darum müssen wir alles tun, um aufzuklären - die Schwangeren, aber auch deren Familien. Paare, die ein Kind haben möchten, müssen sich darüber klar sein, dass ihr Nachwuchs durch Alkohol geschädigt wird.

Wie viele der etwa 500 000 Neugeborenen in Deutschland kommen pro Jahr auf diese Weise geschädigt zur Welt?

Jedes Jahr werden etwa 2500 Kinder mit Alkoholembryopathie geboren. Weitere 10 000 Kinder sind von milderen Formen solcher Alkoholschäden betroffen.

Wenn die Mutter trinkt, bei welchen Alkoholmengen wird es für das Kind gefährlich?

Es gibt keinen für das Ungeborene ungefährlichen Alkoholkonsum. Von daher ist es das Beste, während der Schwangerschaft überhaupt keinen Alkohol zu trinken.

Wie zeigen sich die Schäden durch Alkohol bei den betroffenen Kindern?

Diese Kinder sind körperlich nicht voll entwickelt, sie können Hörstörungen und Augenfehlbildungen haben. Sehr viele leiden unter geistigen Krankheiten, haben Depressionen oder sind selbstmordgefährdet. Die meisten sind nicht in der Lage, einen Schulabschluss zu machen. Sie werden in ihrem späteren Leben sozial auffällig, viele auch suchtkrank. Insgesamt sind die Lebenschancen der Kinder, die mit einer Alkoholembryopathie geboren werden, sehr geschmälert.

Wie wollen Sie dem Problem begegnen? Wie wollen Sie auf trinkende Mütter und deren Partner einwirken?

Hierzu drei Punkte: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht in diesem Jahr die Kampagne "Alkohol - Verantwortung setzt Grenzen". Wir haben ein spezielles Handbuch entwickelt für Frauenärzte, Kinderärzte, Lehrer und Hebammen. Gerade Hebammen kommen mit werdenden Müttern sehr früh in Berührung und können auf diese einwirken. Und wir wollen die bayerische Kampagne zur "Punktnüchternheit" ausweiten. Punktnüchternheit heißt, dass in bestimmten Situationen kein Alkohol getrunken werden soll: in der Schule, im Auto, bei der Arbeit und während der Schwangerschaft. Wir müssen mehr aufklären und Hilfsangebote machen. Wir müssen in der Öffentlichkeit ein stärkeres Problembewusstsein dafür schaffen, dass riskanter Alkoholkonsum ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

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