Christen als Minderheit : Religionsfreiheit: Schwer zu glauben

Nach den Anschlägen auf Kopten in Ägypten und Katholiken im Irak wächst die Angst bei Christen in muslimisch geprägten Ländern. Wie ist ihre Situation?

Unter Schock. So wie in der „Kirche der zwei Heiligen“ in Alexandria beten zurzeit viele Christen in muslimischen Ländern, dass der Konflikt nicht eskaliert.
Unter Schock. So wie in der „Kirche der zwei Heiligen“ in Alexandria beten zurzeit viele Christen in muslimischen Ländern, dass...Foto: Katharina Eglau

Für die Christen im Niltal und in Mesopotamien waren die vergangenen Wochen überschattet von Gewalt. 21 Menschen starben in der Silvesternacht in Alexandria vor den Pforten der koptischen „Kirche der zwei Heiligen“, als ein Selbstmordattentäter seine tödliche Ladung nach der Mitternachtsmesse zündete. In Bagdad ermordete ein Al-Qaida-Kommando am 31. Oktober 46 Betende und zwei Priester während des Sonntagsgottesdienstes in der syrisch-katholischen Kathedrale. Kurz vor Heiligabend wurden mehrere Häuser von Christen in der irakischen Hauptstadt unter Feuer genommen – mit Toten und Verletzten. „Haut endlich ab“ fanden die Bewohner auf Flugblättern vor ihren Türen. Zwei Drittel der einst 1,4 Millionen Gläubigen in Mesopotamien haben ihre Heimat bereits in Panik verlassen. Die übrigen wollen sich möglichst rasch nach Jordanien oder Syrien in Sicherheit bringen.

„Wir haben Angst, dass unser Land bald den gleichen Weg nimmt wie der Irak“, sagt Michael Ghattas, Professor für koptische Kirchenmusik in Kairo. Denn die Muslime seien zunehmend aggressiv. Lokale Zeitungen warnen bereits vor einem Bürgerkrieg. „Sie bedrohen unseren Papst und unsere Kirchen, unsere Krankenhäuser und Studentenwohnheime – wo ist die Religionsfreiheit für uns Kopten?“, fragt der Wissenschaftler. Christliche Kinder würden in den Schulen von ihren muslimischen Kameraden ausgegrenzt. Und ihre Eltern fühlen sich als Bürger zweiter Klasse abgekanzelt: von Polizei und Justiz diskriminiert, bei der Besetzung führender Ämter in Politik, Wissenschaft und Verwaltung übergangen.

Anschlag auf Christen in Ägypten
Nach dem Anschlag von Alexandria kommt es zu Ausschreitungen. Die Polizei verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen rund um die größeren Kirchen des Landes.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Reuters
01.01.2011 16:01Nach dem Anschlag von Alexandria kommt es zu Ausschreitungen. Die Polizei verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen rund um die...

Im neuen Parlament sind die acht Millionen Kopten praktisch nicht mehr repräsentiert. „Nein, nein, nein“, skandierten dann auch die mehr als 5000 Trauergäste im Menas-Kloster nahe Alexandria, als ein Regierungsvertreter während der Beerdigung der ersten Bombenopfer versuchte, das Beileidstelegramm von Staatspräsident Hosni Mubarak zu verlesen. Ghattas zufolge denken inzwischen viele Kopten daran, ins Ausland zu gehen. „Doch wir sind Ägypter, wir sind keine Fremden in diesem Land“, sagt er. Wegen der Terrorgefahr hat das Oberhaupt der Kopten am Nil, Papst Shenouda III., jetzt erstmals bis auf die Christmetten alle Feiern zum orthodoxen Weihnachtsfest am Donnerstag abgesagt. Zu dem gleichen Schritt hatte sich zuvor auch der chaldäisch-katholische Erzbischof im irakischen Kirkuk gezwungen gesehen – für das lateinische Weihnachten am 25. Dezember. Beides unheilvolle Premieren für eine Region, in der die Wurzeln des Christentums liegen. Martin Gehlen

SAUDI-ARABIEN

In Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam, in dem eine extrem rigide Islam-Ausrichtung des Wahabismus herrscht, gibt es keine Religionsfreiheit für Nichtmuslime. Selbst die zehntausenden, oft christlichen Gastarbeiter dürfen ihrem Glauben nicht öffentlich nachgehen. In etwas liberaleren Städten wie der Hafenstadt Jeddah werden jedoch heimliche Gottesdienste abgehalten. Allerdings gelten auch muslimische Schiiten, eine andere Minderheit vor allem im Osten des Landes, bei den Wahabisten als Abtrünnige. Andrea Nüsse

Islamisten drohen Christen in Deutschland

Hilfe für alle Bedrohten

Gemeinsame Feiern mit Muslimen fallen aus

Anschlag auf den Glauben

Der Anschlag von Alexandria - eine ganz neue Dimension

Nach dem Anschlag von Alexandria kommt es zu Ausschreitungen. Die Polizei verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen rund um die größeren Kirchen des Landes.

LIBANON

In Libanon waren die Christen bis ins 20. Jahrhundert in der Überzahl. Heute machen sie etwa ein Drittel der 4,5 Millionen Bewohner aus, die größte Gruppe sind die Maroniten, die traditionell in den Bergen angesiedelt waren. Christen sind im konfessionell organisierten politischen System aber überproportional vertreten: Sie stellen den Präsidenten, den Armeechef, die Hälfte der Parlamentsabgeordneten – und Verwaltungen werden paritätisch mit Christen und Muslimen besetzt. Wie Schiiten und Sunniten wandern viele Christen aus wirtschaftlichen Gründen aus, nicht aus religiösen. Andrea Nüsse

TÜRKEI

Aus dem Irak flüchten tausende chaldäische Christen in die Türkei, aus Armenien und Georgien kommen zehntausende Arbeitssuchende, selbst aus Griechenland ziehen neuerdings orthodoxe Christen an den Bosporus. Nach einem Jahrhundert Vertreibung und Ausgrenzung ist die Türkei erstmals wieder attraktiv für Christen. Quasi im letzten Moment kam der Umschwung, der ironischerweise vor allem der islamisch inspirierten Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu verdanken ist. Im einstigen Vielvölkerstaat war das Christentum schon fast ausgestorben: Die Massaker an den Armeniern im untergehenden Osmanischen Reich, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1922 und vor allem die Schikanen durch die Türkische Republik verringerten den Anteil der Christen von etwa 25 Prozent der Bevölkerung auf heute 0,25 Prozent. Erst die jetzige Regierung bemüht sich, den Christen zu ihren Rechten zu verhelfen. Geschlossene Kirchen wurden wieder geöffnet, beschlagnahmter Kirchenbesitz zurückerstattet und gesetzliche Reformen verabschiedet, die den Neubau von Kirchen ermöglichen. Das orthodoxe Patriarchat von Konstantinopel blickt erstmals seit Jahrzehnten optimistisch in die Zukunft. Susanne Güsten

PAKISTAN/INDIEN

Ihre Vorfahren wollten dem Kastenwesen entkommen. Nun werden Indiens und Pakistans Christen oft gleich doppelt verfolgt – wegen Religion und Kastenzugehörigkeit. Etwa 20 bis 30 Millionen Christen leben im mehrheitlich hinduistischen Indien, weitere zwei bis drei Millionen im islamischen Nachbarland Pakistan. Die meisten Christen sind Dalits, wie sich die Unberührbaren heute nennen, oder stammen aus den untersten Kasten. Sie konvertierten zum Christentum, weil ihnen die Kirchen verhießen, dass sie vor Jesu gleich und nicht länger Unberührbare sind. Doch diese Hoffnung hat sich meist nicht erfüllt. In beiden Ländern stehen viele Christen weiter ganz unten in der sozialen Hierarchie. Im indischen Orissa und anderen Bundesstaaten gab es in den vergangenen Jahren wiederholt Übergriffe auf Christen und Kirchen. Vor allem aber in Pakistan hat sich ihre Situation verschlechtert. Allerdings werden dort inzwischen alle religiösen Minderheiten verfolgt, auch muslimische. Christiane Möllhoff

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