Politik : Christen im Heiligen Land – Minderheit in der Minderheit

Claudia Keller[Tabgha]

Die Hoffnung an diesem Dienstagmorgen ist grau, geschliffen und aus Basalt: Der Grundstein für ein neues Kloster am See Genezareth steht für einen Aufbruch, wo sonst nur Abbruch ist. 200 000 Christen leben im Heiligen Land, zwei Prozent der Bevölkerung. Es sind vor allem Palästinenser. „Wer kann, wandert aus“, sagen Pfarrer und berichten von Schikanen, Diskriminierungen und Überfällen. Die Minderheit innerhalb der palästinensischen Minderheit seien Bürger dritter Klasse. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz, 27 deutsche Ortsbischöfe, ist gekommen, um Solidarität zu demonstrieren.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner segnet den grauen Basaltstein mit Weihwasser. Er ist Präsident des Vereins vom Heiligen Land, dem das Grundstück in Tabgha am See Genezareth gehört, wo sich vor 2000 Jahren das Wunder der Brotvermehrung zugetragen haben soll. Die Kirche aus hellem Jerusalemstein ist umgeben von Palmen, Eukalyptusbäumen und einer heißen Quelle. Fünf Benediktinermönche laden im Sommer palästinensische und jüdische Kinder hierher ein, damit sie sich kennenlernen und kein Hass aufkommen kann. Künftig wollen hier 14 Benediktiner leben, für 3,5 Millionen Euro soll deshalb ein Kloster gebaut werden. Das Geld kommt von der Deutschen Bischofskonferenz, vom Heiligen-Land-Verein und vom Benediktinerorden, der Architekt ist aus Trier. „Dieser Ort ist ein Zeichen der Hoffnung für alle, die gepresst sind, die teilweise verfolgt werden, die unter der Lage im Land am meisten zu leiden haben“, sagt der deutsche Botschafter Harald Kindermann.

„Dies ist ein Tag der Freude für die Kirche in Israel“, hatte Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, den Gästen zugerufen – und Unmut erzeugt: „Die meisten Christen sind Palästinenser, wie kann man da von einer Kirche in Israel sprechen?“ fragt Bernt Besch, Auslandsseelsorger der Bischofskonferenz in Jerusalem. Das zeige, wie wenig die Deutschen über die Situation wüssten.

„Das Leben hier ist sehr anstrengend geworden, man wird ständig abgecheckt, auf welcher Seite man steht, jeder Satz zählt“, sagt Ludger Bornemann, Pfarrer und Direktor des Pilgerhauses in Tabgha.

Israelische Unternehmer und christliche Evangelikale wollen in der Nähe des neuen Klosters einen „Jesus-Park“ errichten, eine Art „Chrisney-Land“, wie Pfarrer fürchten. Kardinal Lehmann appellierte an die staatlichen Behörden, „die Eigentümlichkeit des Ortes zu schützen“. Bei einem Frühstück mit dem Tourismusminister wollte er dieses Thema noch vertiefen. Aber der hat vor wenigen Tagen einen neuen Posten bekommen. Lehmann musste alleine frühstücken.

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