Christen in Nahost : Auszug aus dem Heiligen Land

Die Papst-Reise in den Nahen Osten bringt auch die Christen dort ins Rampenlicht. Seit Jahren verlassen immer mehr die Region.

Martin Gehlen[Kairo]

Wenn Benedikt XVI. bei seiner zwölften Auslandsreise vom 8. bis zum 15. Mai Jordanien, Israel und die Palästinensergebiete besucht, dann stehen auch die Christen im Heiligen Land für kurze Zeit wieder im Rampenlicht. Die öffentlichen Gottesdienste in Jerusalem und Nazareth werden weltweit Millionen Menschen live am Fernsehen mitverfolgen. Trotzdem bilden die etwa 160 000 Christen vor Ort nur eine kleine Randgruppe, die kaum zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. 110 000 leben in Israel, überwiegend in Galiläa. 50 000 wohnen in den palästinensischen Gebieten. Im Gazastreifen sowie in den Regionen um Nablus und Jericho beträgt die Zahl der Christen jeweils nur wenige Hunderte. In Bethlehem und im Raum Ramallah dagegen stellen sie teilweise noch ein Drittel der Bewohner – mit fallender Tendenz.

Denn seit Jahren wandern Christen aus, weil sie für sich und ihre Kinder keine Zukunft mehr sehen. Teilweise besser gebildet als die Mehrheit ihrer muslimischen Mitbürger, kehren Tausende ihrer Heimat entnervt den Rücken, auch wenn sich dieser Trend in jüngster Zeit wegen der globalen Wirtschaftskrise etwas abgemildert hat. Die Mehrheit der weltweit gut 400 000 palästinensischen Christen jedoch lebt mittlerweile auf anderen Kontinenten. Manche Gemeinde in Kanada, Australien oder Südamerika ist heute größer als die in Jerusalem oder Bethlehem. Beispielhaft für diesen Exodus ist die Entwicklung in Jerusalem: Vor der Staatsgründung Israels lebten hier rund 30 000 Christen unter 200 000 Einwohnern. 60 Jahre später sind es noch 12 000 Christen unter 740 000 Bürgern, davon 4000 Nicht-Palästinenser. Eines Tages werde man sich fragen, „ob Jesus wirklich hier war, wenn keine Menschen mehr vor Ort präsent sind, die an ihn glauben“, befürchtet das Oberhaupt der melkitischen Katholiken, Erzbischof Lufti Laham. „Dann wird das Heilige Land für die Christen zu einem Museum.“

Insgesamt 30 christliche Gruppierungen sind im Heiligen Land präsent, die fast das gesamte konfessionelle Spektrum abdecken. Zu den größeren Kirchen zählen die Katholiken, die Griechisch-Katholischen, die Griechisch-Orthodoxen und die Protestanten. Dagegen haben Kopten, Äthiopier und Syrisch-Orthodoxe nur kleine, vom Verschwinden bedrohte Gemeinden. Zur Schlüsselfigur dieser nahöstlichen Ökumene hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten der lateinische Patriarch von Jerusalem entwickelt. Der seit den Kreuzzügen verwaiste Bischofssitz war 1847 von Rom wiedererrichtet und seitdem zunächst ununterbrochen mit Italienern besetzt worden. Die Wende kam 1988, als Johannes Paul II. mit Michael Sabbah zum ersten Mal einen palästinensischen Kleriker zum Oberhirten von Jerusalem weihte. Nach dessen Pensionierung vertraute Benedikt XVI. das Amt Fouad Twal an, einem christlichen Jordanier, dessen Großeltern noch in der Wüste als Beduinen lebten. Er gilt als politisch geschmeidiger als sein Vorgänger, war 18 Jahre im diplomatischen Dienst des Vatikans und danach Erzbischof von Tunis. Doch bereits in seiner ersten Weihnachtsbotschaft vor vier Monaten schlug er deutliche Töne an. Die Mauer, die Israel zwischen Jerusalem und Bethlehem errichtet hat, trage bei „zur Entstehung von Gewalt und Demütigung“ und erzeuge „Groll und Hass“, schrieb er. Jerusalem werde durch den Bau jüdischer Siedlungen stranguliert, was immer mehr Christen ins Exil treibe.

Auch die Bischöfe der orthodoxen, anglikanischen und lutherischen Kirchen warnen vor dem Aussterben der palästinensischen Gemeinden. Verantwortlich dafür ist den Oberhirten zufolge „die illegale israelische Besatzung“. Sie „macht es für uns Christen ebenso wie für das ganze palästinensische Volk, dessen Teil wir sind, unmöglich, in Würde, Freiheit und Sicherheit zu leben“, schrieben sie.

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