• Christen und Muslime in Deutschland: Stehen Bibel und Koran über den menschlichen Gesetzen?

Christen und Muslime in Deutschland : Stehen Bibel und Koran über den menschlichen Gesetzen?

Für gläubige Christen, Juden und Muslime ist Gottes Wort oberstes Gebot. Von ihnen ein Wertebekenntnis zu verlangen, wäre totalitär. Ein Kommentar.

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Jude, Christ, Muslim - Vertreter der drei monotheistischen Religionen vereint in der Bindung an Gottes Wort
Jude, Christ, Muslim - Vertreter der drei monotheistischen Religionen vereint in der Bindung an Gottes WortFoto: Mike Wolff

In Deutschland herrschen Recht und Gesetz. Alle Einwanderer haben sich an die Regeln und Werte zu halten. Kein noch so Heiliges Buch, ob Bibel oder Koran, steht über dem von Menschen gemachten Regelwerk. Von allen Asyl- und Schutzsuchenden sollte ein entsprechendes Wertebekenntnis verlangt werden.
Solche Sätze sind derzeit oft zu hören. Und zwar nicht nur in der Flüchtlingsdebatte. Von Kopfschütteln bis Empörung reichte auch die Reaktion auf das Wahlprogramm der amerikanischen Republikaner. Die nämlich berufen sich ebenfalls auf Gott. Die von Menschen gemachten Gesetze müssten mit den gottgegebenen Menschenrechten übereinstimmen, heißt es da. Regierungen seien dazu da, diese unveräußerlichen Rechte zu beschützen.
Tatsächlich heißt es bereits in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, verabschiedet am 4. Juli 1776, dem späteren Nationalfeiertag: „Wir halten diese Wahrheiten für erwiesen, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Dass zum Schutz dieser Rechte Regierungen eingeführt wurden, die ihre Macht von der Einwilligung der Regierten herleiten.“ Mit anderen Worten: Sollte eine Regierung gegen das vom Schöpfer geschaffene Rechts- und Wertesystem verstoßen, darf sie vom Volk gestürzt werden. Gottes Ordnung steht über den von Menschen erlassenen Gesetzeswerken.

Das Thema findet sich schon in der griechischen Mythologie

Auch Abraham Lincoln, der populärste US-Präsident aller Zeiten, berief sich auf Gott, als er die Sklaverei abschaffte. Kurz bevor er von einem fanatischen Sklaverei-Anhänger ermordet wurde, besuchte er die eroberte Südstaaten-Hauptstadt Richmond. Er wurde von Schwarzen erkannt, die ihm zujubelten, auf die Knie gingen und riefen: „Gott sei gepriesen! Der große Messias!“ Lincoln antwortete: „Stehen Sie auf! Knien müssen Sie nur vor Gott und ihm für die Freiheit danken.“
Der Zwiespalt zwischen Recht und höherer Gerechtigkeit ist alt. Das Thema findet sich schon in der griechischen Mythologie. Antigone, die Tochter des Ödipus und der Iokaste, will ihren getöteten Bruder Polyneikes bestatten. König Kreon verbietet es ihr. Doch sie stellt ihr Gewissen über das Gesetz, gehorcht den Göttern mehr als der Obrigkeit – und bestattet Polyneikes. Daraufhin wird sie verurteilt und entgeht dem Hungertod im Verlies durch Selbstmord.
Welche Gefahren drohen, wenn man das von Menschen gemachte Recht verabsolutiert, lässt sich täglich im Berliner Ortsteil Schöneberg erfassen. Dort hängen in drei Metern Höhe rund achtzig Tafeln an Laternenmasten. „Juden dürfen keine Haustiere mehr halten. 15. 2. 1942“, steht auf einer. Oder „Juden sind Zigaretten oder Zigarren nicht mehr erlaubt. 11. 6. 1942“. Die Tafeln weisen auf jenen schleichenden, von Gesetzen verordneten antisemitischen Diskriminierungsprozess hin, der schließlich in Auschwitz endete.

"Dem Rad selbst in die Speichen fallen“

Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer und profilierteste Vertreter der Bekennenden Kirche, widersetzte sich der neuen Ordnung. Des Christen Gehorsamspflicht gegenüber dem Staat binde ihn nur so lange, „bis die Obrigkeit ihn direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gebot zwingt“. Dann könne die Kirche in die Lage geraten, „dem Rad selbst in die Speichen fallen“ zu müssen. Die sechs Thesen der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 atmen denselben Geist. Und schon im „Augsburger Bekenntnis“ von 1530 steht: „Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Für gläubige Christen und Muslime ist das Wort Gottes die oberste Richtschnur. Das heißt nicht, dass sie gegen Gesetze verstoßen dürfen. Der Rechtsstaat muss alle Verbrechen ahnden, auch solche, die aus religiösen Motiven begangen werden. Christen haben freilich das Glück, dass ihr Wertekanon sich mit dem des Grundgesetzes in etwa deckt.
Und Muslime? So lange sie sich an die Gesetze in Deutschland halten, dürfen sie sich durchaus in erster Linie an Gottes Wort und den Koran binden. „Die Gedanken sind frei“, lautet der Deutschen liebstes Lied. Was auf mental-ideologischer Ebene vertreten wird, kann in einem Spannungsverhältnis stehen zur gelebten Praxis. Diese „reservatio mentalis“ verbieten zu wollen, wäre totalitär. „Der freiheitliche Staat kann und sollte als Bedingung für den Bürgerstatus kein Wertebekenntnis verlangen“, meint der große europäische, katholische Rechtsgelehrte Ernst-Wolfgang Böckenförde.

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