Christenmorde : Türkische Polizei offenbar in Christenmorde verwickelt

Im Fall der drei im osttürkischen Malatya ermordeten Christen gibt es immer mehr Hinweise auf enge Verbindungen zwischen den mutmaßlichen Tätern und den Behörden – und darauf, dass diese Verbindungen vertuscht werden sollen.

Thomas Seibert

Istanbul - Bei dem Verbrechen hatte der Hauptbeschuldigte Emre Günaydin eine Pistole bei sich, die nur einen Tag zuvor von der Polizei beschlagnahmt worden war. Bilder einer Überwachungskamera im Krankenzimmer Günaydins, der sich bei einem Fluchtversuch verletzt hatte, wurden gelöscht. Niemand weiß daher, mit wem der Hauptbeschuldigte unmittelbar nach den Verbrechen gesprochen hat. Unter dem Druck einer wachsenden öffentlichen Empörung will die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen jetzt ausweiten.

Emre Günaydin und vier Komplizen sollen am 18. April den deutschen Missionar Tilmann Geske und zwei türkische Protestanten in Malatya brutal ermordet haben. Laut Anklage war Hass auf Christen das Motiv. Die Staatsanwaltschaft fordert in dem Ende November begonnenen Prozess lebenslange Haftstrafen. Anwälte der Familien der ermordeten Christen beklagen, der Staatsanwalt wolle den Beschuldigten zugute halten, sie seien durch die Christen „provoziert“ worden.

Seit Tagen berichtet die türkische Presse über den merkwürdigen Verlauf der Ermittlungen in Malatya. So soll der Mitangeklagte Salih Gürler ausgesagt haben, Günaydin habe gute Beziehungen zur Polizei in Malatya gehabt. Vor den Morden habe Günaydin zudem den Eindruck vermittelt, dass das Verbrechen von höherer Stelle angeordnet worden sei. Nur einen Tag vor dem Verbrechen war Günaydin von Polizisten mit einer Schreckschusspistole erwischt worden. Die Beamten beschlagnahmten die Waffe – doch am Tattag schüchterte der 20-Jährige mit derselben Pistole seine Opfer ein.

Das interessierte die Behörden bisher aber genauso wenig wie die durch Telefonunterlagen belegten Kontakte der Beschuldigten zudem mit mehreren Staatsvertretern, darunter war ein Beamter der Spezialeinheiten der Polizei sowie ein Istanbuler Staatsanwalt. Auch zu einem Offizier der paramilitärischen Gendarmerie soll es Verbindungen gegeben haben. Wie im Fall des im Januar ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink geraten Polizei und Justiz in der Türkei durch ihren offenkundigen Unwillen, die Morde ohne Rücksicht auf etwaige Hintermänner aufzuklären, immer mehr ins Zwielicht. Thomas Seibert

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