Konservative lehren: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil

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Christentum in Deutschland : Die AfD und der Kulturkampf in den Kirchen

Es ist ja auch noch nicht lange her, dass sich die Kirchen mit großer Mehrheit von autoritären, antidemokratischen Denkmustern distanziert haben. Erst nach 1945 kam dieser Prozess in Gang – und auch nur schwerfällig. Das hierarchische Organismusmodell der katholischen Kirche spreche Menschen an, die anfällig sind für autoritäres Denken, sagte die Theologin Saskia Wendel kürzlich auf einer Tagung der Katholischen Akademie in Berlin. Auch herrsche in rechtskatholischen Kreisen eine große Freiheitsskepsis. Glaube werde als Fähigkeit aufgefasst, sich der Autorität Gottes und der Kirche zu unterwerfen und zu gehorchen.

Konservative Theologen lehren, dass es „außerhalb der Kirche kein Heil“ gebe, was exklusive Wahrheitsansprüche gegenüber anderen Religionen befördert. Rechte Populisten könnten leicht daran anknüpfen – zumal wenn jemand Glauben und Wissen verwechsle und vergesse, dass Aussagen über die Wirklichkeit Gottes nur vorläufig sein könnten, sagte Wendel – und forderte eine „machtkritische Analyse vormoderner Elemente in der Theologie“.

Reaktionäre Katholiken und fundamentalistische Protestanten

Die Anfälligkeit von Protestanten für autoritäre Denkmuster zeigte sich zuletzt während des Nationalsozialismus. Die evangelische Kirche unterwarf sich Hitler bereitwillig und zu großen Teilen. Die katholische Kirche hielt größeren Abstand, doch auch unter Katholiken fand die nationalsozialistische Ideologie viele Anhänger.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Auch die Online-Foren, Blogs und Zeitschriften, über die sich reaktionäre Katholiken und fundamentalistische Protestanten austauschen, sind bekannt. „Doch bis vor Kurzem wurden sie als Phänomene an den Rändern abgetan“, sagt Andreas Lob-Hüdepohl, katholischer Theologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. „Die mit den fundamentalistischen Einstellungen, das waren immer die anderen, die Spinner und Kampfbeter.“ Manchmal habe man sich über sie geärgert, meistens habe man sie belächelt.

Beim Kirchentag sollen AfD-Vertreter nicht ausgeladen werden

Wie gering die Bereitschaft ist, auf Menschen mit abweichenden Meinungen zuzugehen, zeigte im November eine qualitative Studie, die die EKD beim Sozialforschungsinstitut Proval in Auftrag gegeben hatte. Die Forscher untersuchten, was die Basis in den Gemeinden über Homosexuelle, Muslime und Juden denkt. Sie stießen auf eine „intolerante Kultur der Toleranz“: Auch dort, wo die Kirche nach außen hin tolerant auftritt, gibt es nach innen die Tendenz zur Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Die Kirchenvorstände machen deutlich, was nach außen hin sagbar ist, sodass der offizielle Diskurs „über das Judentum, den Islam und die Homosexualität durch Verständnis und Offenheit geprägt ist“, heißt es in der Studie. Doch „dieselben Diskursprinzipien, die Offenheit und Toleranz nach außen sicherstellen sollen, grenzen nach innen die Kirchenmitglieder, die zu diesen Fragen eine weniger offene oder eine vorururteilsbehaftete Meinung vertreten, aus.“

Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, doch Gespräche mit Kirchenmitgliedern zeigen, dass der Befund nicht untypisch ist. So bekam etwa ein Protestant in seiner niedersächsischen Gemeinde zu hören, so jemanden wie ihn „brauchen wir nicht“. Er hatte in einer internen Runde gesagt, dass zwei der fünf Flüchtlinge, die er betreue, „miese Kerle“ seien, weil sie versucht hätten, ihn zu beklauen.

Predigten und Apelle sind kontraproduktiv

Predigten und Appelle von oben zementieren bei denen, die eine andere Meinung vertreten, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Deshalb hört man nun von Bischöfen und Pfarrern, man müsse neue Formen des Dialogs finden und mehr Räume für persönliche Begegnungen schaffen.

„Wenn wir die erreichen wollen, die auf der Kippe stehen, müssen wir in die Milieus reingehen und uns die Hände schmutzig machen. Wir müssen Zumutungen aushalten und argumentativ gut gerüstet sein“, sagt Prälat Karl Jüsten, der das Katholische Büro in Berlin leitet.

Beim evangelischen Kirchentag im Mai in Berlin sollen AfD-Vertreter nicht kategorisch ausgeladen werden wie vor einem Jahr beim Katholikentag in Leipzig. Ob jemand auf einem Podium mitdiskutieren darf, soll davon abhängig gemacht werden, ob sich die Person in der Vergangenheit rassistisch oder menschenverachtend geäußert hat. Berlins Landesbischof Markus Dröge will sogar öffentlich mit Anette Schultner, der Vorsitzenden der Bundesvereinigung „Christen in der AfD“, diskutieren, ob sich das Christsein mit dem Engagement in dieser Partei verträgt. Allerdings haben sich schon über 1000 Kirchentagsfreunde gegen Schultners Auftritt gewandt. Der Kirchentag solle einer Partei, „die sich nicht klar von nationalsozialistischem Gedankengut und antisemitischer Hetze abgrenzt“, kein Forum bieten, heißt es in der Online-Petition.

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