Christian Klar : Jagd auf ein Phantom

Der Ex-Terrorist Christian Klar will seine Ruhe haben – doch in der Öffentlichkeit wird er neu zur Fahndung ausgeschrieben.

Jost Müller-Neuhof
Christian Klar
Christian Klar: 1985 zu lebenslanger Haft verurteilt. -Foto: dpa

Berlin - Deutschlands bekanntester Resozialisierungsfall hat seinen ersten Tag in Freiheit verbracht. Wie und wo, bleibt sein Geheimnis. „Christian Klar wird noch lange brauchen, um sich wieder einzuleben“, sagte der Schauspieler Rolf Becker dem „Hamburger Abendblatt“ vom Samstag. Becker ist einer der wenigen, die Kontakt zu Klar haben und darüber berichten. Einen Freundeskreis habe Klar, heißt es, zudem Kontakt zu Mutter und Geschwistern. Offenbar will er arbeiten, „er will nicht vom Staat ernährt werden“, hatte Becker über Klar gesagt, dem nach Verbrauch seines Arbeitslohns aus dem Gefängnis ein Anspruch auf Hartz IV zustünde. Am Berliner Ensemble (BE) könnte er Bühnentechniker werden. Strafvollzugsrechtler würden von einer „ausgezeichneten Prognose“ sprechen.

Auf der anderen Seite bleibt der verurteilte mehrfache RAF-Mörder eine umstrittene und angefeindete Figur. Verschiedene Anschläge der Linksterroristen sind unaufgeklärt, weshalb sich auch Ermittler noch für ihn interessieren könnten. Und nicht nur die. Am Samstag veröffentlichte eine Boulevardzeitung eine Art Phantombild von Klar, wie er heute aussehen soll. Dazu der Hinweis: „Er könnte morgen ihr Nachbar sein“. Es ist deshalb wohl eine Frage der Zeit, wann Näheres über den Aufenthaltsort des Entlassenen und ein aktuelles Bild in den Medien auftauchen. Zumal wenn Klar, wie angekündigt, nach Berlin übersiedelt, einer Stadt, in der viele Fotohandyträger über ein geschultes Auge für Prominente verfügen.

Der frühere RAF-Terrorist findet sich dann an einer neuen Konfliktlinie wieder. Er steht nicht mehr dem von ihm verabscheuten politischen „System“ gegenüber, sondern den Bedingungen einer modernen Mediengesellschaft. Die Konfrontation könnte spannend werden. Straftätern kommen im Rahmen ihres Resozialisierungsbedürfnisses besondere Rechte zu. Außerdem war Klar über ein Vierteljahrhundert im Gefängnis. Den heutigen Medienzirkus dürfte er ähnlich bestaunen wie einst Kaspar Hauser den Nürnberger Marktplatz.

Sollten in nächster Zeit Bilder gelingen, wie Klar in der Stadt unterwegs ist, müsste er dies womöglich noch dulden. Der politische und mittlerweile auch historische Kontext seiner Taten könnte ihn zu einer Person der Zeitgeschichte machen, über die berichtet werden darf, selbst wenn er gerade entlassen wurde und die Rückkehr in ein normales Leben versucht. Allerdings wiegt auch der Resozialisierungsanspruch schwer. Reine Neugierberichte schließt er aus. Wenn Klar aber in Zusammenhang mit der RAF und der aktuellen politischen Diskussion darum thematisiert wird, wächst das Recht zur Berichterstattung. „Ein unklarer Fall“ sei der Ex-Häftling, sagen Medienrechtler. Je mehr Zeit indes vergeht, desto mehr nimmt Klars Anspruch zu, in Ruhe gelassen und nicht einmal mehr mit ganzem Namen genannt zu werden. Auch sein eigenes Verhalten ist wichtig. Dass er keine Talkshows besuchen oder Interviews geben will, zeigt, dass er nichts riskieren möchte. Seine Schweigsamkeit könnte die Lehre aus seiner angeblich persönlich adressierten „Grußbotschaft“ an die Rosa-Luxemburg-Konferenz Anfang 2007 sein. Die mit linker Kampfrhetorik durchsetzte Schrift wurde mit Verzögerung öffentlich und in den Medien skandalisiert. Sein Gnadengesuch hatte danach keine Chance mehr.

Will Klar ganz abtauchen, verzichtet er am besten auch auf sein Praktikum als Bühnentechniker am BE, das trotz des Jobs hinter den Kulissen nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleiben und seine Persönlichkeitsrechte wieder einschränken würde. Um die „Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden“, wie es ihm in dem Grußwort vorschwebte, ist das BE wohl ohnedies der falsche Ort.

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