Christian Wulff : Der Nette aus Hannover

Ursula von der Leyen galt zwei Tage als Bundespräsidentin. Doch dann kam Christian Wulff. Angela Merkel sagt, das sei „wunderbar“. Aber in Wahrheit ist es eine kalte Niederlage für sie

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Nach dem Köhler Rücktritt sollte eine schnelle Lösung her: Chrisitan Wulff (l.) und Angelea Merkel
Nach dem Köhler Rücktritt sollte eine schnelle Lösung her: Chrisitan Wulff (l.) und Angelea MerkelFoto: dpa

Der erste Mann im Staat in spe geht leicht gebeugt drei Schritte hinter ihr. Christian Wulff weiß, was sich gehört, und außerdem – was soll er sich vordrängeln, jetzt? Angela Merkel wird gleich vor das zweite Mikrofon von links in der Fraktionslobby im Reichstag treten, er wird sich neben sie stellen und den Kopf immer noch leicht neigen, und dann wird sie sagen, dass sie sehr froh sei und sich für seine Bereitschaft bedanke und dass sie ihn für einen wunderbaren künftigen Bundespräsidenten halte. Sie hat das wirklich gesagt, „wunderbar“. Nur an ihrer ziemlich dünnen Stimme, an dem Zug um ihren Mund kann man erahnen, dass sie sich den Deubel freut. Angela Merkel hat eine ziemlich kuriose Niederlage erlitten. Und ihr bleibt nichts anderes übrig, als das gut zu finden.

Die Geschichte dieser Niederlage beginnt am Montag, und eigentlich ist sie am Mittwochvormittag schon zu Ende, nur ahnen das zu dem Zeitpunkt die meisten noch nicht einmal. Denn der Geist, den Angela Merkel gerufen hat, spukt da immer noch durch alle Blätter und Nachrichtenkanäle der Republik. Der Geist hat das breite, strahlende Lächeln von Ernst Albrecht und Energie für zwei. Der Name Ursula von der Leyen taucht schon wenige Stunden nach Horst Köhlers abrupten Abgang auf den Kandidatenlisten auf. Und es sind keine Hinterbänkler, die schon mal in der Polit-Szene in Berlin vorfühlen, ob die Sozialministerin nicht eine präsentable neue Schlossherrin im Bellevue abgäbe.

Am Dienstagfrüh berät Merkel zum ersten Mal mit Guido Westerwelle und Horst Seehofer gemeinsam, wie zwischen Sparklausur, Euro-Rettung und Dauerkoalitionskrise irgendwie auch noch diese neue Personalie gelöst werden kann. Auf ihrer kurzen Liste ernsthafter Kandidaten steht Wulff, aber da steht auch von der Leyen. Hinterher ist zu hören, der FDP- und der CSU-Chef hätten der Kollegin von der CDU im Prinzip freie Hand für das Kandidatenfeld gegeben. Klar ist sowieso, dass keine der kleinen Parteien eigene Ansprüche anmelden kann – sie haben keine Kandidaten, die sich aufdrängen würden, also hat der Größte das Zugriffsrecht.

Am Abend trifft sich das FDP-Präsidium zur Sondersitzung. Draußen stellt sich Conny Pieper vor die Kameras. Pieper ist Westerwelles Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Die Frau aus Halle ist schwer begeistert von Frau von der Leyen. Sie ist nicht die einzige. In den Zeitungsredaktionen und den Fernsehstudios läuft längst eine Begeisterungsmaschine an. Die Aussicht auf eine erste Frau im Staate, und dann auch noch diese, weckt Phantasien. Das wäre doch mal – eins der Schlüsselworte in dieser Geschichte – ein Befreiungsschlag für diese in der Krisentristesse so rasant ergraute Koalition! Die jugendlich wirkende, dynamische Frau, das Gesicht der Modernisierung in der CDU, zugleich die tapfere Politikerin, die ihr Programm gegen massive Widerstände alter Männer immer wieder durchgeboxt hat – ein Stoff, aus dem Märchen sind. Es hat sich keiner richtig getraut, offen den Vergleich zum Schlagerwunder Lena zu ziehen. Dabei wäre daran viel Wahres gewesen. Beide rangieren auf den Beliebtheitsskalen ganz oben, weil sie anders sind, Anti-Typen, die selbst bei denen, die sie gar nicht toll finden, einen Rest von Rätsel hinterlassen .

Und niemand ist da, der die Begeisterungsmaschine bremst. Niemand widerspricht deutlich, als von der Leyen überall als „Favoritin“ der Kanzlerin beschrieben wird. Und selbst die, die warnen, da sei noch nichts entschieden, bestätigen im nächsten Satz und übrigens wahrheitsgemäß: ja, von der Leyen sei in der engeren Wahl. Merkel selbst hat das Wort „Favoritin“ nicht gebraucht. Sie hat nach übereinstimmenden Berichten aller Seiten auch in den internen Parteichefrunden keine Präferenz benannt. Aber sie hat die Begeisterungswelle auch nicht gestoppt. Vielleicht hat sie sie unterschätzt, hat geglaubt, dass sie, die Kanzlerin, Herrin dieses Verfahrens sei und ganz in Ruhe abwägen könne, ob sie jemanden wie von der Leyen besser als strahlende Chefrepräsentatin der Nation brauchen könnte oder doch eher als Aktivposten im Kabinett benötigen würde. Vielleicht hatte sie auch gar nichts dagegen, dass da ein Vorschlag sich gegebenenfalls quasi von selbst erfüllen würde.

Im FDP-Präsidium finden sie die Begeisterung im Allgemeinen und die von Conny Pieper im Speziellen an jenem Dienstagabend im Stillen etwas sonderbar. Kurz nach Mitternacht – die Runde hat alle Mitarbeiter aus dem Raum geschickt und sich Stillschweigen verordnet – nennt Westerwelle drei Namen. Wolfgang Schäuble, den Finanzminister, der der Partei seit Monaten ihre Steuersenkungsträume ausprügelt. Ursula von der Leyen, die im Frühjahr den Parteichef öffentlich zurechtgewiesen hatte, als der Hartz-IV-Empfänger zu dekadenten Spätrömern erklärte. Und als Nummer Drei: Wulff. Wulff ist nett. Er ist sogar sehr nett zur FDP, mit der er in Hannover regiert. Man habe da gar nicht mehr groß drüber reden müssen, wer den Liberalen lieber wäre, heißt es. Ein Beschluss fiel nicht. Trotzdem hat am Mittwoch die Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger dem Parteichef sicherheitshalber mitgeteilt, dass etliche liberale Abgeordnete nicht für von der Leyen stimmen würden.

Aber die FDP ist nur ein Nebenschauplatz, der hier der Vollständigkeit halber erwähnt wird. Das eigentliche Spiel läuft woanders ab. An jenem Dienstagabend, an dem die FDP berät, spricht Merkel mit Christian Wulff. Der Niedersachse ist der Letzte aus der einst so stolzen Männerriege ihrer Stellvertreter, der noch voll handlungsfähig ist. Roland Koch ist auf dem Rückzug. Jürgen Rüttgers weiß selbst nicht, ob er das Ergebnis der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen politisch überlebt. Merkel fragt Wulff, was er über das weitere Vorgehen denkt. Das Gespräch ist, so berichten Eingeweihte, offen angelegt, kein direktes Angebot, aber die Möglichkeit steht zunächst unausgesprochen im Raum. Am Ende bittet Wulff sich Bedenkzeit aus.

Tatsächlich will der Niedersachse dieses Amt in Berlin. Wulff hat drei Wahlkämpfe hindurch warten müssen, bis er die Macht in Niedersachsen erobern konnte. Er ist 2008 von den Wählern im Amt bestätigt worden. Im gleichen Jahr hat er den Landesparteivorsitz an seinen jungen Fraktionschef abgetreten. Ein auf den ersten Blick kurioser, auf den zweiten Blick logischer Schritt. David McAllister wird jetzt sein Nachfolger als Ministerpräsident. Und er wäre es vielleicht auch ohne Köhlers überraschenden Abgang beizeiten geworden. Denn so sehr Wulffs berühmter Interview- Spruch, dass er sich Kanzler nicht zutraue, eine nur mäßig clevere Koketterie war, so sehr musste Wulff sich doch auch sagen, dass er mit seinen 50 Jahren schon zur verlorenen Generation der Ära Merkel gehörte. Solange die CDU an der Macht ist, wird nach menschlichem Ermessen Merkel sie führen. Wer danach von ihr übernimmt, übernimmt eine Partei in der Opposition. Und Kanzlerkandidat an der Schwelle zum Rentenalter ist so richtig keine Perspektive. Koch, der Altersgefährte, hat daraus für sich die Konsequenz des Ausstiegs gezogen. Wulff hat mit diesem Weg in eine zweite Karriere in der Wirtschaft ebenfalls immer mal wieder kokettiert. Aber der Weg, der sich jetzt für ihn auftat, ist der weitaus glanzvollere. Dass er ihn eine Stufe vor und über Merkel bringen würde – wenn auch nur im Zeremoniell –, wird ihn ganz sicher doppelt gereizt haben.

Am Mittwochvormittag senden die, die es wissen müssen, zum ersten Mal deutliche Warnsignale aus: Von der Leyen – das ist keineswegs ein Selbstläufer. Die Begeisterungsmaschine mag die Warnungen nur ungern hören. Die Idee ist einfach zu verlockend. „Röschen“, wie die jüngste Tochter von Ernst Albrecht zu Hause genannt wurde, „Röschen“ im Schloss Bellevue klang wie die Kaiserin Sissi abzüglich der tragischen Momente im Leben der berühmten Österreicherin. Und hatten nicht wirklich weiter alle übrigen Indizien in diese Richtung gewiesen? War nicht aus dem CSU-Präsidium berichtet worden, dass der Parteivorsitzende selbst sowie etliche CSU-Prominente von der Leyen klar als ihre Favoritin benannt hatten? Hatten nicht relativ bekannte CDU-Politiker öffentlich erklärt, die Frau sei populär und fähig? War nicht, übrigens, von der Leyen selbst am Mittwoch gesehen worden, wie sie ins Kanzleramt fuhr? Und hatte sie nicht dort mit Merkel gesprochen?

Alles richtig. Nur ging es um den Haushalt der Arbeitsministerin. Merkel habe, versichern Kundige, von der Leyen nie das Präsidentenamt in Aussicht gestellt. Dafür hat Wulff inzwischen eingeschlagen. Am Mittwoch lässt er Merkel wissen, dass er sich bitten lässt.

Eine einfache Geschichte, eigentlich, ganz glatt und problemlos. Wäre da nicht zwei, drei Tage lang eine andere die gefühlte Mutter der Nation gewesen. Nicht richtig in das Bild passen auch Gerüchte und Hinweise aus der CDU, dass es keineswegs nur bei der FDP Bedenken gegen von der Leyen gegeben habe, sondern eine regelrechte Intervention aus dem Südwesten: Die Baden-Württemberger, behaupten Leute aus der CDU- Spitze, hätten sich bei Merkel massiv für Wulff stark gemacht. Es riecht nach der Reaktivierung des Anden-Pakts, jener Männertruppe aus Junge-Union-Tagen, die Merkel die Kanzlerkandidatur 2002 verstellt hatte.

Merkel weiß das am Donnerstagabend im Reichstag. Sie weiß, dass sie verloren hat. Denn das Märchen wird nicht wahr, und die Enttäuschung darüber wird ihr angekreidet, mindestens. Nicht die Prinzessin darf ins Schloss, sondern dieser Schwiegersohntyp kriegt die Belohnung, der jetzt versichert, dass er mit Wehmut sein altes Amt aufgebe, aber dann gleich anfügt: „Diese Aufgabe reizt mich, ich möchte sie gerne annehmen.“ Links außen steht Horst Seehofer, er hat auch ein paar nette Worte gesagt. Und ein paar nicht so nette. „Ich bin auch sehr erfreut über das Verfahren der letzten Tage“, sagt der CSU-Chef. Er hat vorher jedem, der das wissen wollte, noch mal erklärt, wen er am liebsten genommen hätte: das „Röschen“, natürlich.

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