Christine Lagarde : Elegante Lösung für den IWF

Das hat sie in ihrer Jugend als Synchronschwimmerin gelernt: Zähne zusammenbeißen und lächeln. Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde verbindet Durchsetzungskraft mit Charme. Ihre Karriere will sie nun mit dem Chefposten des IWF krönen.

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Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde will auf den Chefsessel des Internationalen Währungsfonds (IWF). Foto: dpa
Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde will auf den Chefsessel des Internationalen Währungsfonds (IWF).Foto: dpa

Um den Mund von Christine Lagarde liegt ausnahmsweise ein ernster Zug, als sie spricht. Reiflich habe sie sich alles überlegt, sagt die Finanzministerin, blickt energisch nach links und rechts, dass ihre Ohrringe schaukeln. Sie nickt. Sie werde kandidieren für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds IWF, sagt sie. Als Nachfolgerin ihres Landsmannes Dominique Strauss-Kahn, der vor einer Woche zurückgetreten war, verdächtigt der Vergewaltigung eines New Yorker Zimmermädchens, abgeführt unter Blaulicht – und den Augen der Weltöffentlichkeit.

Im Pariser Finanzministerium erhellen am Mittwochvormittag die Blitzlichter der Fotografen das gebräunte Gesicht von Christine Lagarde. Jemand aus der Menge der anwesenden Reporter möchte eine Frage stellen, Christine Lagarde dreht sich zu ihm – und lächelt strahlend.

Lagarde hat Charme, in Interviews lächelt sie häufig, und auch Kritik verpackt sie gern in ein Lächeln. Und läuft es schlecht, dann hält sich die 55-Jährige an das, was sie als Synchronschwimmerin in ihrer Jugend lernte: Zähne zusammenbeißen und lächeln. Nie allerdings lief es für sie besser als in den vergangenen Jahren.
Vier Jahre nach ihrer Berufung zur Finanzministerin erfreut sich Christine Lagarde auf ihrem Posten wie kaum ein anderes Mitglied der französischen Regierung eines hohen Ansehens. Direktorin des Internationalen Währungsfonds zu werden ist nun eine fast logisch erscheinende nächste Stufe ihrer Karriere.

Vom kommenden Chef wünscht man sich in Washington ein hohes Maß an wirtschaftspolitischer Erfahrung auf höchster Ebene, diplomatische Fähigkeiten und Managementkenntnisse. So jedenfalls ist es auf der Internetseite des Währungsfonds nachzulesen. Zudem soll der Bewerber durchaus eine strategische Vision haben, nach der er seine Arbeit ausrichtet. Und er soll gut kommunizieren können.

Noch bevor Lagarde ihre Bewerbung um den einflussreichen Job in Washington bekannt gab, galt sie in Frankreich bereits als die natürliche Anwärterin auf den Job, den seit der Gründung des IWF bis auf wenige Ausnahmen immer wieder ein Franzose innegehabt hatte. Auch die europäischen Partner hatten frühzeitig ihre Unterstützung für sie signalisiert. „Christine Lagarde ist in der Sache und als Person hervorragend geeignet“, erklärte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Auch die Unterstützung der Kanzlerin hat Lagarde erhalten. Und das, obwohl sie im vergangenen Jahr gegen die deutsche Exportstärke zu Felde zog. Auch Nicolas Sarkozy stehe hinter ihrer Kandidatur, betonte Lagarde am Mittwoch.

Das politische Paris war im Jahr 2007 durchaus erstaunt gewesen über die Entscheidung des Präsidenten, statt eines anerkannten politischen Schwergewichts eine wenig bekannte und erfahrene Technokratin auf den Chefposten in „Bercy“ zu setzen, wie das mächtige Wirtschafts- und Finanzministerium nach seinem Sitz im gleichnamigen Pariser Stadtteil kurz genannt wird. Im vertrauten Kreis soll Sarkozy gesagt haben: „Wenn sie macht, was ich ihr sage, wird sie eine gute Finanzministerin werden.“ Die satirische Wochenzeitung „Le canard enchaîné“ überbrachte den Ausspruch, der mehr die von den Medien belächelte Selbstüberschätzung des Präsidenten beschrieb, der meint, alles selbst richten zu müssen, als eine Einschätzung der Erfolgsaussichten der neuen Chefin dieses Schlüsselressorts.

Entgegen seinen Gewohnheiten hatte sich Präsident Sarkozy zur Frage eines eventuellen Wechsels seiner Ministerin nach Washington bislang öffentlich zurückgehalten. In den Kulissen setzte er sich zwar für sie ein, doch es hieß auch, Rücksicht zu nehmen auf Empfindlichkeiten von Regierungen, die den IWF-Chefposten nicht als einen französischen Erbhof ansehen. Besonders ausgeprägt sind diese Empfindlichkeiten bei Schwellenländern wie Indien, Südafrika oder Brasilien. In einer gemeinsamen Stellungnahme hatten sie noch am Vorabend der Erklärung Lagardes darauf verwiesen, dass die Praxis „überholt“ sei, nach der der Direktor der Weltbank ein US-Amerikaner und der des IWF ein Europäer sein müsse. „Die Abmachung, dass die Auswahl des Direktors auf der Basis der Nationalität getroffen wird, untergräbt die Legitimität des Fonds“, heißt es in der Stellungnahme, in der sie eine „angemessene Repräsentation“ ihrer Länder fordern. Beim Gipfeltreffen der acht großen Wirtschaftsnationen (G8), das am heutigen Donnerstag im französischen Deauville beginnt, wird Sarkozy reichlich Überzeugungsarbeit für seine Kandidatin leisten müssen.

Lagarde selbst verspricht, die Rolle des IWF nicht nur in Europa, sondern auch in Bezug auf die Erwartungen der Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas zu sehen. In dem Bewerbungsschreiben, das sie an die Mitglieder des Exekutivausschusses nach Washington schickte, setzt sie sich für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Fonds und den regionalen Finanzinstitutionen ein. „Die Rechte der Fondsmitglieder müssen in Funktion ihres wirtschaftlichen Gewichts wachsen“, erklärt sie.

Sollte sie an die Spitze dieser Weltorganisation gewählt werden, wäre dies eine triumphale Krönung in der atypisch erscheinenden Karriere der Finanzministerin Frankreichs. Denn anders als viele ihrer Politikerkollegen hat sie ihren Weg nach oben weder über eine Ausbildung an der Eliteschule Ecole Nationale d’Administration (ENA) noch als Parteifunktionärin zurückgelegt. Als eines von vier Geschwistern wuchs sie in einer Lehrerfamilie auf, die den Vater früh verlor. Nach dem Abitur ging sie mit einem Stipendium in die USA, wo sie einen zweiten, dem Abitur ähnlichen Schulabschluss erlangte und dann als Praktikantin beim Kongress in Washington im Büro von William Cohen, dem späteren Verteidigungsminister von Präsident Bill Clinton, hospitierte. Zurück in Frankreich absolvierte sie nach dem Institut für politische Wissenschaften in Aix-en-Provence ein Jurastudium in Paris.

An der Aufnahmeprüfung zur ENA scheiterte sie gleich zweimal, was sie heute aber nach eigenen Worten „überhaupt nicht“ bedauert. Als Rechtsanwältin trat sie in das Pariser Büro von Baker & McKenzie ein. Sie wechselte bald in deren Zentrale in Chicago, wo sie in 25 Jahren zur Chefin des Exekutivausschusses dieser weltgrößten Anwaltskanzlei aufstieg. 2004 kehrte sie zurück nach Paris. Präsident Jacques Chirac berief sie als Außenhandelsministerin in seine Regierung, bis sie dann unter Präsident Sarkozy das Wirtschafts- und Finanzministerium übernahm.

Die weltgewandte, stets elegant gekleidete und vom angelsächsischen Pragmatismus geprägte Ex-Anwältin steht für liberale wirtschaftspolitische Überzeugungen. Hin und wieder lässt sie sich aber doch zu dirigistischen Forderungen verleiten. Die Bundesregierung in Berlin verstörte sie mit einer ungewöhnlichen Kritik an der deutschen Stabilitätspolitik, die sie für die Ungleichgewichte in Europa verantwortlich machte. In Frankreich eckte sie mit Plädoyers für einen Sparkurs an. Andererseits erwarb sie sich allseits anerkannte Verdienste in den Verhandlungen über die Ausarbeitung des 750 Milliarden schweren Rettungsfonds für den Euro.

Persönlich allerdings versteht Christine Lagarde sich bestens mit Angela Merkel und zeigt das auch. Bei einer Konferenz am Rande des G-20-Gipfels in Seoul vor einem halben Jahr gab die Bundeskanzlerin vielen grau gewandeten Herren einem nach dem anderen die Hand, aber auf die französische Finanzministerin lief sie fröhlich winkend und strahlend zu. Die beiden Damen gaben sich Küsschen auf beide Wangen und plauschten angeregt, bevor es mit dem Programm weiterging. Der Respekt für die Lebensleistung der jeweils anderen sorgt offenbar für einen Grundstock an Vertrauen.

Vor allem auch zu Wolfgang Schäuble pflegt Lagarde ein enges, persönliches Verhältnis. Regelmäßig stimmen sich die beiden vertrauensvoll über die wichtigsten Themen zwischen Finanz- und Schuldenkrise ab, meist telefonisch, gelegentlich auch bei Treffen in Paris, Berlin oder Straßburg. Auch die französische Idee einer Wirtschaftsregierung für Europa konnte so auf ein Maß zurechtgestutzt werden, das für die Bundesregierung erträglich ist. Beide eint zudem ein unverrückbarer Glaube an die europäische Idee.

Eine Sache gibt es jedoch, die Christine Lagardes Weg an die Spitze des IWF gefährden könnte. Es geht um eine Zahlung von rund 400 Millionen Euro aus der französischen Staatskasse an Bernard Tapie, den schillernden Ex-Unternehmer und kurzzeitigen Minister unter Präsident Francois Mitterrand. Ein Schiedsgericht hatte die Summe 2008 Tapie als Entschädigung in dessen Auseinandersetzung mit der ehemaligen staatlichen Bank Crédit Lyonnais zugesprochen. Lagarde hatte sich über die Meinung von Experten hinweggesetzt, und die Entscheidung einem privaten Schiedsgericht überlassen.

Die linke Opposition hat gegen Lagarde beim Gerichtshof der Republik Klage wegen Amtsmissbrauchs eingereicht. Am 10. Juni will Frankreichs oberstes Gericht über die Zulassung der Klage entscheiden. „Die moralische Integrität der Ministerin steht nicht infrage“, schreibt die linke Zeitung „Libération“. Vielmehr sei sie das Opfer ihrer Ergebenheit gegenüber Sarkozy. Denn der Präsident soll sie gedrängt haben, die Affäre mit Tapie auf diese Weise zu beenden.

Am 10. Juni wird auch die Frist enden, innerhalb derer der IWF Vorschläge für die Besetzung des Chefpostens entgegennimmt. Sollte Christine Lagardes Kandidatur erfolgreich sein, so wäre sie die erste Frau in dieser Position. Ihr Erfolgsgeheimnis für die tägliche Arbeit im von Männern dominierten politischen Geschäft verriet sie gerüchteweise einer Freundin: „Männer sind nicht kompliziert: Sag dem Hübschen, dass er intelligent ist, und dem Intelligenten, dass er hübsch ist.“ Vermutlich sagt sie auch so etwas mit einem Lächeln.

Mitarbeit Moritz Döbler

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