Politik : Chronisch schlecht informiert

Die meisten dauerkranken Patienten wünschen sich mehr Beratung über Medikamente und Therapien

Rainer Woratschka

Berlin - Die meisten chronisch kranken Patienten in Deutschland fühlen sich schlecht über ihre Krankheit informiert. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Züricher European Health Care Foundation (EUHCF), einer Wissenschaftler-Stiftung zur Förderung der Versorgung chronisch Kranker in Europa. Konkret wünschen sich drei von vier Patienten mehr Informationen auch von den Arzneiherstellern – obwohl sie ihnen diesbezüglich weit weniger trauen als Medizinern. Und 91 Prozent pochen darauf, dass sie das gleiche Recht auf Arzneiinformation haben wie Ärzte und Apotheker.

Hintergrund der Studie sind die Pläne der EU-Kommission, bei verschreibungspflichtiger Arznei das bisherige Werbe- und Informationsverbot für die Industrie zu lockern. Experten sind seit langem der Ansicht, dass Patienten besser als bisher an ihre Arzneiinformation gelangen müssen. Neben Arzt, Apotheker und Packungsbeilage, die aber meist schwer verständlich und zudem erst nach dem Kauf eines Medikaments zugänglich ist, steht dafür bisher nur das Internet zur Verfügung. Dort allerdings sind die Informationen ungefiltert und qualitativ oft mit Vorsicht zu genießen. Außerdem haben gerade chronisch Kranke, vornehmlich sind es bereits ältere Menschen, kaum Erfahrung mit dem neuen Medium.

Mit besserer Information, das weiß jeder Arzt, steigt das Gesundheitsbewusstsein – und die Bereitschaft, sich konsequent auf Therapien einzulassen. „90 Prozent des Therapieerfolges bei chronisch Kranken hängen vom Patientenverhalten ab“, sagt EUCHF-Geschäftsführer Fred Harms. Nur 27 Prozent der Patienten jedoch verhalten sich so, wie vom Arzt empfohlen. Aus Angst vor Nebenwirkungen würden etwa oft Medikamente abgesetzt, die für die Therapie entscheidend seien. Die Folgekosten dieses Patientenfehlverhaltens beziffert Harms EU-weit auf 200 bis 300 Milliarden Euro im Jahr.

Doch über die Frage, wer die Patienten künftig besser über ihre Arznei informieren soll, herrscht Uneinigkeit. EU-Kommission, Pharmaindustrie und auch die Patientenverbände setzen dabei auf die Hersteller. Die hätten, so ihr Argument, beste Informationsquellen und auch das Geld, um das Ganze zu finanzieren. Krankenkassen und Verbraucherschützer finden diese Sichtweise naiv. Die Industrie werde sich die Chance kaum entgehen lassen, ihre Möglichkeit zur Produktinformation auch für verkaufsfördernde Werbung zu benutzen. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass die Pharmakonzerne vieles gerne als behandlungsbedürftige Krankheit darstellen, was eine normale Alterserscheinung ist oder sich schon durch einfache Verhaltensänderung beheben lässt. Außerdem warnen die Kritiker davor, dass von Werbung beeinflusste Patienten die Ärzte unter Druck setzen könnten, ihnen teure Originalprodukte zu verschreiben – statt preisgünstigerer wirkstoffgleicher Nachahmermedikamente.

Mit Nichtstun ist laut Harms aber nichts gewonnen. „Wir mutieren in Europa zu einem riesigen Geriatriezentrum“, warnt er. In Deutschland werde sich allein die Zahl der Diabetiker in zehn bis 15 Jahren auf 20 Millionen verdoppeln. Nur für Zuckerkranke werde dann – die Begleit- und Folgeerkrankungen eingerechnet – so viel Geld ausgegeben wie bisher für alle Kranken zusammen. „Die einzige Chance, unser Gesundheitssystem auf bisherigem Niveau weiterlaufen zu lassen, ist es, den Patienten mehr Self- Management zu ermöglichen.“ Dafür, so Harms, benötigten sie mehr Informationen. Ein Ziel, für das man auch die Pharmaindustrie ins Boot holen sollte.

Die Umfrage ergab, dass es chronisch Kranken vor allem an Information zu Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Arznei fehlt. Bekommen möchte diese jeder zweite am liebsten von seinem Arzt oder Apotheker; nur knapp 13 Prozent nennen den Hersteller. 38 Prozent hätten aber gerne Informationen von beiden Seiten. Generell wünschen sich 81 Prozent mehr Unterstützung über den Arztbesuch hinaus. Allerdings trauen diesbezüglich nur 14 Prozent der Industrie über den Weg. Hausärzte genießen einen Vertrauensbonus von 72, Fachärzte gar von 91 Prozent. Erstaunlich abgeschlagen auf der Vertrauensskala rangieren die Apotheker mit 48 Prozent, den Krankenkassen trauen 35 Prozent. Befragt wurden 975 Patienten, die an Diabetes, einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Krebs leiden.

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