Clinton in Asien : Direkt beim Volk

Die USA lernen eine neue Hillary Clinton kennen. Auf ihrer einwöchigen Asienreise setzt die Außenministerin unerwartete Akzente. Sie legt wert darauf, nicht nur Handschlagfotos zu hinterlassen - und gibt sich ganz volksnah und plaudert über Persönliches.

Christoph von Marschall[Washington]
Hillary Clinton
Volksnahe Politikerin: Hillary Clinton in Südkorea. -Foto: dpa

WashingtonWährend des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA hatte sie selten Persönliches preisgegeben, so als fürchte sie, es würde doch nur gegen sie ausgelegt. Nun sehen die Amerikaner im Fernsehen oder lesen in ihren Zeitungen, wie Hillary Clinton in Südkorea nicht nur als Sicherheitspolitikerin auftritt und, zum Beispiel, Nordkorea vor neuen Raketentests warnt. Sie lässt sich von kichernden Studentinnen in Seoul auch fragen, wie und wann sie denn gewusst habe, dass sie in Bill verliebt sei. „Ich fühle mich mehr wie die Ratgeber-Tante einer Zeitungskolumne denn als Außenministerin“, bekannte sie hinterher. Zu den Beziehungsfragen gab Clinton keine erhellende Antwort, aber sie riet den jungen Frauen zu ausgiebig Sport, um sich in der Männerwelt durchzusetzen. „Ich habe viel Baseball gespielt, vor allem gegen Jungen.“

In Indonesien war sie Gast einer populären Unterhaltungsshow und verriet ihren jugendlichen Interviewern in gespielter Verschämtheit, dass die Beatles und die Rolling Stones ihre Lieblingsbands seien. Sie lehnte es freilich ab, eines ihrer Lieblingslieder nachzusingen, denn sie wolle nicht riskieren, dass alle Gäste aus dem Raum flüchten. Sie besichtigte auch Entwicklungshilfeprojekte im Gesundheitswesen und der Trinkwasseraufbereitung in einem Arbeiterviertel der indonesischen Hauptstadt Jakarta sowie eine Schule, die US- Präsident Barack Obama in seiner Kindheit besucht hatte. Überall folgten ihr Scharen von Einheimischen. „Es macht nichts, dass Obama nicht persönlich kommt. Sie ist eine der berühmtesten Frauen der Welt“, zitiert die „New York Times“ Daniel Sitorus, einen 24-jährigen Anwohner und Rechtsanwalt.

Clinton habe sich für ihre Jungfernreise als Außenministerin vorgenommen, den Kontakt zu den Bürgern ihrer Gastländer ebenso zu suchen wie zu den Regierungen, hebt die „New York Times“ hervor. Nach ihren eigenen Worten wolle sie „Beziehung zu den Menschen in einer Weise knüpfen, die über die traditionellen Treffen mit Ministern und Handschlagfotos hinausgeht“. Angesichts des politischen Erbes der Bush-Regierung „müssen wir nicht nur unser Verhältnis zu den Regierungen, sondern auch zu den Völkern reparieren“.

Der neue Schmusekurs wird aus Sicht von Menschenrechtsgruppen zum Problem, vor allem auf der letzten Station ihrer Reise in China. Deren Kritik stellte die „Washington Post“ am Sonnabend in den Mittelpunkt. Im Gegensatz zu anderen Spitzenpolitikern behauptet Clinton nicht einmal, dass sie Menschenrechtsfälle hinter verschlossenen Türen offensiv anspreche, weil dies den größten Erfolg verspreche. Sie verteidigt den Politikwechsel. „Wir wissen doch genau, was die Chinesen antworten“, wenn wir sie um mehr Freiheit für Tibet oder Toleranz mit Dissidenten bitten. Sie werde das weiter vorbringen, aber „dieses Drängen darf uns nicht in den Weg kommen“ beim Dialog über andere wichtige Fragen wie Klimaschutz und Finanzkrise.

Die neue Diplomatie zielt darauf, ein entspannteres Verhältnis herzustellen, damit die Chancen wachsen, China und andere Länder zu Zugeständnissen bei der Reduzierung der Treibhausgase, dem Vorgehen gegen die Wirtschaftsflaute und im Umgang mit Nordkorea zu gewinnen. Am Samstag besuchte Clinton ein von General Electrics gebautes Erdwärmekraftwerk in China, um die Abkehr von schmutzigen Kohlekraftwerken zu unterstützen. Ein wichtiges Thema waren die Sorgen der chinesischen Regierung um die Sicherheit ihrer US-Staatsanleihen. Es gebe allen Grund, Vertrauen in die „Treasuries“ der Vereinigten Staaten zu haben, sagte Clinton. Außenminister Yang Jiechi sagte, seiner Regierung sei sehr daran gelegen, die Devisenreserven sicher zu investieren. Diese sind mit 1,95 Billionen Dollar die größten von allen Staaten.

Der neue Ton bedeutet auch einen persönlichen Stilwechsel. Bei ihrem Chinabesuch als First Lady 1995 hielt Clinton eine flammende Rede für Frauenrechte. Damals unterbrachen die Behörden die Übertragung im Radio. Sie wolle jetzt mit mehr Realismus vorgehen, sagte Clinton. Sie habe die Debatten um Menschenrechte seit zehn Jahren geführt. „Wir brauchen jetzt einen Dialog, der zu Verständigung und Kooperation führt.“

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