• Clinton in Deutschland: Schröder würdigt Clintons Verdienste - und der Präsident dankt mit einer ernsten Rede für den Karlspreis

Politik : Clinton in Deutschland: Schröder würdigt Clintons Verdienste - und der Präsident dankt mit einer ernsten Rede für den Karlspreis

Elisabeth Binder

Am Nachmittag durften die Aachener Bürger ihrem Ehrengast Bill Clinton endlich selbst die Hand schütteln - nachdem sie in den Sicherheitsschleusen sorgfältig durchleuchtet worden waren. Musik von Herbert Grönemeyer begleiteten diesen letzten als "Bad in der Menge" bezeichneten Programmpunkt. Begonnen hatte der Tag lange vor der Ankunft des US-Präsidenten auf dem Katschhof, dem ältesten Platz der Stadt. Trotz der starken Sicherheitsvorkehrungen verloren die Aachener ihre Heiterkeit nicht. Sie bastelten sich Sonnenhüte aus Zeitungen und erzählten sich, dass ihre Stadt es dank dieses Events immerhin in die Acht-Uhr-Nachrichten geschafft hat. Zwei Stunden mussten die Honoratioren warten, bis die Ehrengäste auf der Bühne erschienen. Dafür nimmt deren Anzahl mehr als eine Seite in der Begrüßungspassage des oberbürgermeisterlichen Redemanuskripts in Anspruch. Dabei waren die ehemaligen Karls-Preis-Träger Edward Heath, König Juan Carlos I. von Spanien, Vaclav Havel, Jacques Delors, Franz Vranitzky, die finnische Staatspräsidentin Taria Halonen, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundespräsident Johannes Rau.

Es hatte, wie die "Aachener Nachrichten" vermeldeten, etlicher Lobby-Anstrengungen bedurft um den US-Präsidenten zu überzeugen, den Preis in Aachen entgegenzunehmen. Dabei gab ihm der Auftritt die Chance, vor der grandiosen Kulisse des 1200 Jahre alten Aachener Doms eine Rede zu halten, die sein bisheriges europäisches Engagement resümiert und auch eine Art Vermächtnis über die eigene Amtszeit hinaus darstellt. "Amerika ist ein Teil von Europa", sagte er, "verbunden durch Familiengeschichte und gemeinsame Werte." Ausführlich ging er ein auf die zukünftige Rolle Russlands und Südosteuropas. Was Westeuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Zentraleuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geschafft haben, könne überall getan werden. Europa sei ebenso sehr ein Ideal wie ein wirklicher Ort.

Bundeskanzler Schröder, der den US-Präsidenten immer wieder mit dem vertrauten "Du" anredete, würdigte dessen Visionen von einem freien und geeinten Europa als globalem Partner der USA, die sich positiv von mancher Verzagtheit abheben würden, "die wir in Europa gelegentlich selbst beobachteten: mit deinem Engagement bist Du zu einem Europäer geworden", gab er dem Präsidenten mit auf den Weg.

Mit Blick auf das Rathaus, das den 1200 Jahre alten Katschhof zur anderen Seite begrenzt, lauschten die Gäste den feierlichen Musikeinlagen. Auch sie standen in der sengenden Sonne, hatten keinen Schatten. Wie man hörte, wollten die Amerikaner den Blick auf den Dom nicht unnötig einschränken. Für seinen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft hatte sich Clinton in der Tat historisches Terrain ausgesucht. In Aachen wurde schon europäische Politik gemacht, als an Berlin und Washington noch nicht zu denken war, daran erinnerte Bundeskanzler Schröder. Clintons Rede wirkte ernster als die vor dem Brandenburger Tor 1994. Sie wurde gehalten in einer Stadt, in der man auf den Straßen ganz selbstverständlich Französisch und Holländisch spricht. Insofern war sie geeignet, noch einmal etwas zu fixieren, was nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geholfen hat, fünf Jahrzehnte des Friedens zu verwirklichen: die Westbindung der Bundesrepublik Deutschland. Am Ende zeigten sich viele Gäste der Zeremonie aufrichtig bewegt, weil sie das Gefühl hatten, an einem historischen Moment selbst teilgehabt zu haben, dies in einer Stadt, die heute eher am Rande des Rampenlichts steht, obwohl sie einst Mittelpunkt Europas war.

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