Colorado : Mr. Hickenlooper will nicht nach Washington

Im Herbst geht es um Barack Obamas Mehrheit im US-Kongress – der Bundesstaat Colorado könnte eine entscheidende Rolle spielen.

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Wildnis. Die Hauptstadt ist 2500 Kilometer weit weg. Was in Colorado zählt, sind die lokalen Kandidaten. Foto: mauritius images
Wildnis. Die Hauptstadt ist 2500 Kilometer weit weg. Was in Colorado zählt, sind die lokalen Kandidaten. Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

Zwölf lokale Geschäftsleute sind zum Treffen mit dem Kandidaten in den Rotary Club von Steamboat Springs gekommen, einem Wintersport- und Sommerwanderparadies auf 2000 Meter Höhe im Norden Colorados. 50 Bürger waren es am Abend zuvor im karg möblierten Gemeindezentrum von Craig, 60 Kilometer weiter westlich. John Hickenlooper, der demokratische Bürgermeister der Hauptstadt Denver, der in drei Monaten Gouverneur des Staates werden möchte, ist größeres Publikum gewohnt. Aber er kämpft um jede Stimme.

Es ist kein gutes Jahr für die Demokraten. Die Amerikaner sind unzufrieden mit der wirtschaftlichen Lage. Knapp zehn Prozent sind arbeitslos, es herrscht Furcht vor einer langen Rezession. Der Unmut richtet sich gegen jene, die heute an der Macht sind: die demokratische Mehrheit im Kongress und Präsident Barack Obama. Die Krise hat zwar unter seinem Vorgänger Bush begonnen, aber das ist lange her. Obama könnte in drei Monaten seine Parlamentsmehrheit verlieren.Die Republikaner hoffen, leichtes Spiel zu haben. Am 2. November werden der Kongress und auch viele Gouverneure, vergleichbar den Ministerpräsidenten deutscher Länder, neu gewählt. Doch in Colorado zeigt sich, dass die Konservativen noch lange nicht gewonnen haben. Colorado ist ein „Swing State“, der mal für die Republikaner, mal für die Demokraten stimmt: 1996 für Bill Clinton, 2000 und 2004 für George W. Bush, 2008 für Barack Obama. 2010 müsste ein republikanisches Jahr sein. Aber Washington ist 2500 Kilometer weit weg. Wichtiger noch als die nationalen Zweifel an den Demokraten ist, welchen Eindruck die lokalen Kandidaten machen.

Hickenlooper, ein hochgewachsener 58-Jähriger, konzentriert sich ganz auf Wirtschaftsthemen. „Ihr habt Angst um eure Jobs. Ihr seid sauer auf die Regierung. Ihr sucht jemanden, der das Ruder herumreißt. Deshalb trete ich an. Meine drei größten Stärken sind Arbeitsethos, Budgetdisziplin und der unerschütterliche Wille, mit jedem zu kooperieren.“ Denver prosperiert unter ihm, trotz Wirtschaftskrise. Firmen für Sonnen- und Windkraft haben sich angesiedelt, die Zahl der Einwohner und Arbeitsplätze ist gewachsen. Was sein Wirtschaftsplan für den Rest des Staates sei, fragen die Geschäftsleute in Steamboat Springs. „Ich gebe nichts von oben vor. Wir machen es umgekehrt, von unten nach oben, und erarbeiten gemeinsam lokale Wirtschaftspläne. Ihr wisst besser, was gut für euch ist“, antwortet Hickenlooper.

In Craig wollen sie wissen, was er von alternativen Energien hält? „Das ist langfristig eine gute Idee. Die Umstellung wird aber 15 bis 30 Jahre dauern. In der Zwischenzeit brauchen wir weiter Erdgas und Kohle“, verweist er auf Colorados traditionelle Energieträger. Die Zuhörer nicken bedächtig. In der Provinz trifft man selten auf überschäumende Begeisterung oder Verachtung. Die Bürger schauen, ob ein Kandidat bodenständig wirkt und Vertrauen erweckt. „Ja, Hickenlooper könnte man wählen“, sagt Rose Hutton, eine ältere Frau. „Der kann auch zuhören.“ Außerdem habe bisher kein anderer Kandidat sich auf den langen Weg in den Norden des Staates gemacht.

Im Mai und Juni hatte Hickenlooper in den Umfragen zurückgelegen hinter dem mutmaßlichen republikanischen Gouverneurs-Kandidaten Scott McInnis. Die nationale Katerstimmung schlug auf Colorado durch. Doch im Juli hat der regionale Wahlkampf an Fahrt gewonnen. Und McInnis, der sechs Mal in den Kongress gewählt worden war, weckt plötzlich Charakterzweifel. Die „Denver Post“ hat aufgedeckt, dass er im Auftrag einer konservativen Stiftung zwei Dutzend Artikel über Wasserpolitik verfasst hat und sich großzügig honorieren ließ, den Inhalt aber anderswo abgeschrieben hat.

In den Umfragen liegt nun Hickenlooper vorn. McInnis hat zudem kurz vor der Kandidatenkür der Republikaner am kommenden Dienstag seine Favoritenrolle verloren. Der millionenschwere Geschäftsmann Dan Maes macht ihm die Kandidatur streitig. Und Tom Tancredo, 2008 ein Präsidentschaftskandidat, stellt beiden ein Ultimatum. Weder Maes noch McInnis hätten eine Chance gegen Hickenlooper. Wenn sie nicht beide bis Dienstag zurücktreten und einem neuen, unverbrauchten Kandidaten Platz machen, werde er, Tancredo, für die noch konservativere Constitution Party ins Rennen gehen. Das würde die rechte Wählerschaft spalten und einen Sieg Hickenloopers bei der Gouverneurswahl wahrscheinlich machen.

Ganz ähnlich ist das Bild im Rennen um die Vertretung Colorados im US-Senat. Da gibt es zwar auch Streit unter Demokraten, aber das Zerwürfnis unter den Republikanern ist größer. Bis 2009 hatte der Demokrat Ken Salazar den Senatssitz inne. Präsident Obama berief ihn als Innenminister. Als Nachfolger wurde Michael Bennet ernannt, ein enger Mitarbeiter Hickenloopers. Bennet hat seither wenig Profil gewonnen. Ihn trifft die antidemokratische Stimmung im Land. Andrew Romanoff, ein jüngerer Landtagsabgeordneter, hat ihn in den Umfragen überholt und wird wohl die innerparteiliche Vorwahl um die demokratische Senatskandidatur am Dienstag gewinnen. Bennet muss sich rechtfertigen, dass er in Washington für die weniger populären Reformprojekte Obamas gestimmt hat. Romanoff nicht.

Ihr Wettkampf wirkt jedoch geradezu freundlich im Vergleich zum Streit um die Kandidatur im anderen Lager. Alle Republikaner verteufeln Obama, da gibt es wenig Unterschied, auch nicht zwischen Jane Norton, der 55-jährigen früheren Vize-Gouverneurin, und Ken Buck, einem regionalen Staatsanwalt und Liebling der rechtslastigen „Tea Party“-Bewegung. So hält Streit ums Schuhwerk als Beleg für ideologische Treue her. In einer gemeinsamen TV-Debatte forderte Buck die republikanische Basis auf, ihn ins Rennen zu schicken, „weil ich keine Stöckelschuhe trage. Ich trage Cowboystiefel mit echtem Mist – nicht dem Mist, den man in Washington macht.“ Norton konterte wenig später mit einem Wahlkampf-Spot. Er beginnt mit Bucks Originalzitat und urteilt, wer Washington verändern wolle, müsse Norton wählen: „Ken Buck will Colorado in Washington vertreten? Mit seinen Miststiefeln verstärkt er nur die Probleme dort.“ Bis zum Streit ums Schuhwerk lag Buck vor Norton. Nun ist offen, wer die Kandidatur gewinnt. In den Umfragen haben beide aber keinen Vorsprung mehr vor den Demokraten.

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