Comeback der EU : Durch Teilen wird Europa stark

Durch das Teilen haben die Europäer gelernt, friedlich und gut zusammenzuleben. Die Sharing Economy hat sich als das beste Modell erwiesen. Wir brauchen eine Neugründung der EU. Ein Gastbeitrag

Andre Wilkens
Die Europäische Union fesselt sich selbst. Es wird Zeit, die Zäune einzureißen.
Die Europäische Union fesselt sich selbst. Es wird Zeit, die Zäune einzureißen.Foto: Reuters

Das Teilen erlebt einen Boom. Mehr und mehr Menschen wollen mehr und mehr Dinge teilen, oder auch neudeutsch, sharen: Bilder, Nachrichten, Autos, Apartments und sogar Partner. Ist dieses Teilen neu, oder ist es nur die Technologie dahinter?

 Der Begriff Share Economy wurde 1984 von dem amerikanischen Ökonomieprofessor Martin Weitzman geprägt und besagt im Kern, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird.  Seit ein paar Jahren wird der Begriff der Sharing Economy in der digitalen Wirtschaft verwendet, um zu beschreiben, dass Inhalte und Wissen nicht mehr nur konsumiert, sondern mit Hilfe von digitalen Technologien zeitlich begrenzt geteilt werden, wie z. B. CarSharing, Musik Streaming, CouchSharing oder sogar GardenSharing.  Spätestens seit UBER, die Taxi Sharing App, hat sich die Sharing Economy zu einem Buzzword für Internet Start-Ups entwickelt, die die Welt aufmischen, umkrempeln und natürlich verbessern wollen. Der digitale Vordenker Jeremy Rifkin sieht darin gar das Ende des Kapitalismus gekommen, ersetzt durch die Ökonomie des Teilens. Ob Rifkin Recht hat und sich das Wohlstand-durch-Teilen-System systemisch durchsetzt, wird man sehen. Spannend ist es in jeden Fall.

 Anfang der 50iger Jahre, also lange vor Weitzman und bevor der Begriff nun so hipp wurde, hatten schon mal ein paar innovative Gründer das Modell einer Share Economy entwickelt. Dabei ging es nicht um das Teilen von Taxis, Sofas und Musik, sondern ganz bodenständiger Dinge wie Kohle und Stahl. Diese Sharing Economy war die Europäische Montan Union, aus der sich dann die Europäische Union, wie wir sie heute kennen, entwickelt hat.

 Angefangen hat es auch hier mit einem innovativen Gründer, Jean Monnet, der ein europäisches Jahrtausendproblem, Krieg und Frieden, neu definiert hat, es in seine Einzelteile runter gebrochen und überraschende Antworten gefunden hat. Herausgekommen ist dabei: Lasst uns das Problem Krieg durch das Teilen von Kohl und Stahl lösen und damit auch noch neuen Wohlstand schaffen. Das war ziemlich genial. Dazu hat er mit dem Kapital von sechs Großinvestoren - Belgien, Frankreich, Luxemburg, Italien, Niederlande und Westdeutschland - ein Start-up gegründet, die Montan Union. Zu Kohle und Stahl sind über die Jahre andere Geschäftsfelder gekommen, neue Strukturen, Arbeitsplätze. Zu den ersten sechs Gründern sind mittlerweile 22 weitere dazu gestoßen, angezogen vom Erfolg. Aus dem Start-Up ist mit der Europäischen Union einer der drei Global Players geworden, wirtschaftlich und politisch.

Teilt Europa zu viele Dinge, zu wenige oder nicht die richtigen?

 Wendet man die Definition von Weitzman an, also, dass sich der Wohlstand für alle durch das gemeinsame Teilen erhöht, ist diese europäische Sharing Economy eine grandiose Erfolgsgeschichte. Seit Gründung hat sich der Wohlstand in Europa rasant und überdurchschnittlich entwickelt. Zumindest bis vor Kurzem.

 Dabei war der Ausgangspunkt dieser europäischen Sharing Economy gar nicht vordergründig ökonomisch, sondern politisch, nämlich das Teilen von Ressourcen mit dem Ziel, gewalttätige Konflikte zwischen den Teilnehmern unnötig und unmöglich zu machen. Davor hatte Europa zu diesem Zweck schon alle möglichen anderen Modelle ausprobiert: Besetzung, Annexion, Allianzen, Friedenskonferenzen, Friedensverträge, Völkerbunde. Diese führten immer nur zu immer mehr Krieg und Gewalt. Erst seit die Europäer sich auf die Ökonomie des Teilens eingelassen haben, läuft es. Europa durchlebt die längste Friedensperiode seit Gedenken, ist zu einer attraktiven Region des Wohlstands und der Lebensqualität geworden. Durch das Teilen haben die Europäer gelernt, friedlich und gut zusammenzuleben. Die Sharing Economy hat sich für Europa als das beste Modell erwiesen, das es jemals hatte.

 Nun hat die Europäische Union die Krise, und das gerade in dem Moment, in dem die neue digitale Sharing Economy stündlich neue Fans gewinnt.

 Was ist passiert? Woran liegt es? Funktioniert Teilen nur noch digital? Teilt Europa zu viele Dinge, zu wenige oder nicht die richtigen? Oder ist die Europäische Union des Teilens in die Jahre gekommen, hat den Generationswechsel nicht gepackt oder ist einfach von der Konkurrenz abgehängt worden?

 Oder ist die Europäische Union gar zu schnell zu erfolgreich und zu groß geworden? So wie Microsoft in den Neunziger Jahren? Damals löste Microsoft IBM als das coolste digitale Unternehmen der Welt ab, bevor es ein Jahrzehnt später von Newcomern wie Google und Facebook sowie dem wiedergeborenen Apple überholt wurden. Jetzt verwaltet Microsoft sein schrumpfendes Windows Monopol, während die Innovationen woanders herkommen. Erinnert uns das an irgendwas?

Europäische Währungspolitik wird in Frankfurt gemacht

 Die Sharing Economy ist disruptiv, im Positiven wie im Negativen. UBER mischt das etablierte Taxi Geschäft kräftig auf, samt intransparenter Seilschaften, inhärenter Kundenunfreundlichkeit aber auch deren ausgehandelten Sicherheits- und Tarifstandards. Was für die einen ein Zugewinn an individueller Flexibilität, ist für andere die schleichende Erosion eines hart erkämpften Arbeitsmarktmodells. AirBnB hat einen ganz neuen Markt geschaffen, bringt das Hotelgewerbe in Bedrängnis, muss sich aber auch vorwerfen lassen, dass es ganze Stadtviertel voll von Touristenwohnungen zu verantworten hat, und damit normale Mieter aus den besten Wohnlagen vertreibt.

 Ähnlich disruptiv war und ist auch die europäische Sharing Economy. Sie greift nämlich die Privilegien der Nationalstaaten an und schafft diese teilweise ab. Wo diese früher allein entscheiden konnten, redet jetzt Europa mit. Europäische Währungspolitik wird in Frankfurt gemacht. Handelspolitik wird von Brüssel verhandelt. Und dass Migration und Grenzen auch eine europäische Politik des Teilens brauchen, lernen wir gerade in Echtzeit. Wir befinden uns in der Sharing-Economy-Übergangsgesellschaft. Taxi Unternehmen kämpfen gegen UBER, Hotelketten gegen AirBnB, und die europäischen Nationalstaaten legen der europäischen Sharing Economy gerade auch ganz schön dicke Klötzer in den Weg. Die Disruption der Sharing Economy kann wunderbare Dinge schaffen, bei den neuen Digitalen und bei Europa. Aber bei beiden gibt es Risiken und Nebenwirkungen, die es zu moderieren gilt.

Die digitalen Nerds sind besser im Storytelling als die Europa Nerds

 Das Europa der 28 ist kompliziert geworden, zu kompliziert für viele seiner Bürger. Sie verstehen es nicht mehr. Der Nationalstaat ist da scheinbar übersichtlicher, einfacher zu bedienen. Die digitale Sharing Economy ist auch kompliziert, und die etablierten Akteure preisen ihre gewohnte Einfachheit als Vorteil an. Aber die neuen digitalen Gründer schaffen es, ihre Stories zu erzählen, die Vorteile des Teilens anzupreisen und dann Millionen Apps zu verkaufen. Die digitalen Nerds sind scheinbar besser im Storytelling als die Europa Nerds. Wer hätte das gedacht.

 Wie kriegen wir Europa wieder flott? Braucht es einen Upgrade, ein paar neue Features, einen neuen Markenauftritt? Oder eine ganze neue Version? Europa 8.0? Oder sollten wir gar zu einem ganz neuen Operating System wechseln? In diese Richtung geht der jüngste Vorschlag des französischen Wirtschaftsminister Emanuel Macron, der eine Neugründung der Europäischen Union fordert, eine Europäische Union mit neuem OS sozusagen.

 Aber wahrscheinlich ist sogar das zu kurz gegriffen. Stellt uns die gegenwärtige Flüchtlingskrise nicht die Frage, ob Europa den Sprung von der Sharing Economy zur Sharing Society schaffen kann. Denn jetzt geht es darum, ob wir nicht nur Wirtschaft sondern auch als europäische Gesellschaft teilen können. Wohlstand, Schulden, Flüchtlinge, Sicherheit. Manche nennen das Solidarität, andere europäischer Länderfinanzausgleich. Es ist Zeit, dass wir die Europäische Union des Teilens zu unserem Gesellschaftsmodell machen. So bleiben wir Innovatoren und enden nicht wie StudiVZ.

- Andre Wilkens ist Weltverbesserer und Autor von "Analog ist das neue Bio". Dieser Essay ist ein Ausblick auf sein antizyklisch optimistisches Buch zu Europa

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