Politik : Concorde-Absturz: Ein vergessenes Opfer

Moritz Rinke

Jelenia Gora, auf Deutsch Hirschberg, ist ein kleiner polnischer Ort an der Grenze zu Sachsen. In Jelenia Gora gibt es eine -Hotelfachschule mit mehreren Klassen, in eine davon, in die vierte, gingen Paulina Sypko, 18 Jahre alt, und ihre Mitschülerin Eva Lipinska, 19 Jahre alt. In Osterholz-Scharmbeck, einer kleinen Kreisstadt zwischen Bremen und Worpswede, wohnt Jolanta Grazewicz, die seit vielen Jahren mit der Familie Lipinska befreundet ist und mit dem Vater von Eva zur Schule ging. Am 25. Juli fuhr sie mit ihrem Mann zu den Lipinskas nach Jelenia Gora zu Besuch. Sie sollten im Zimmer von Eva untergebracht werden, die vier Wochen zuvor von Jelenia Gora aus nach Gonesse bei Paris gestartet war, um dort im Hotel "Hotelissimo" ein Gastronomie-Praktikum anzutreten. Zusammen mit Paulina und zwei weiteren Mitschülerinnen hatte sie sich darum beworben.

Eva, erzählt Jolanta, ging noch am 24. Juli in Paris zu einem Friseur auf den Champs-Elysées und gab die Hälfte ihres gesamten im Hotel verdienten Geldes aus für einen Haarschnitt, den sie in Jelenia Gora nie bekommen hätte. Eva war ein eigenwilliges Mädchen. In Polen, sagt Jolanta, bestimmen Mütter, was ihre Töchter zur Schule anziehen. Eva aber steckte immer ihre Kleider in die Schultasche, ging so, wie sie sollte, aus der Tür und zog sich dann jeden Morgen auf der Straße um. Sie trug niemals etwas, das es so schon gab. Sie färbte ihre Kleider, sie schnitt irgendwo Teile ab, oder sie hängte Perlen an die Ärmel.

Jolanta hat ein Foto von Eva, von Weihnachten letztes Jahr, auf dem sie in einem ungewöhnlichen Schlafanzug ihre Arme ausbreitet und ein Bein anhebt. Eva, sagt Jolanta, spielt auf dem Foto ein Flugzeug. Als Eva vom Friseur an den Champs-Elysées zurückkam in das "Hotelissimo" in Gonesse, das einzig und allein mitten auf einer Wiese stand, machte Violetta, eine der Mitschülerinnen, die im Nachbarhotel arbeitete, ein Foto von ihr. Eva rief am Abend ihre Mutter in Jelenia Gora an und sagte, sie habe Heimweh, sie wisse auch nicht, warum, aber sie wolle jetzt nach Hause, gleich am nächsten Morgen wolle sie los. Die Mutter riet ihr, das Praktikum ruhig zu beenden und wie vorgesehen am 31. Juli mit Paulina und den anderen zurückzukommen. Eva rief zwei Mal an. Sie wünschte sich für ihre Rückkehr "Pierogi", Teigtaschen mit Quark und Kartoffeln.

Am Morgen des 25. Juli bereitete sie das Frühstück für eine Reisegruppe, die am Vormittag das Hotel verließ, am Nachmittag begann sie, die Zimmer im Erdgeschoss zu machen. Gleichzeitig startete am Flughafen Charles-de-Gaulle die Concorde 4590, um 16 Uhr 44 stürzte sie auf das "Hotelissimo" in Gonesse. Eine Stunde später trafen Jolanta und ihr Mann bei Familie Lipinska in Jelenia Gora ein. Sie bezogen Evas Zimmer, setzten sich mit den Eltern ins Wohnzimmer, und im Hintergrund begannen die Halbsieben-Nachrichten des polnischen Fernsehens.

Ein paar Tage später kam Violetta mit dem letzten Foto von Eva Lipinska nach Jelenia Gora. Sie starb zusammen mit Paulina Sypko sowie zwei weiteren Schülerinnen aus Mauritius und Algerien am 25. Juli in Gonesse. Über sie und die drei anderen ist in den Medien im Gegensatz zur Besatzung und den deutschen Opfern der Concorde kein einziger nennenswerter Satz gefallen. Eine kleine Meldung in der "Sächsischen Zeitung" vom 12. August. Sonst nichts.

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