COUNTDOWN : Glaube, Kinder, Eltern, Vorhaut Auch Amerikaner streiten über Beschneidung

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Tage bis zu den

Wahlen in Amerika

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Der Kommentar endet mit bitteren Worten. Die Juden, die einst in diese Stadt flohen, weil sie frei sein wollten, stünden wohl bald vor der Wahl – entweder sie ziehen vor Gericht, praktizieren zivilen Ungehorsam oder wandern in einen der Nachbarstaaten aus. Das Editorial erschien am 12. September 2012 in „The New York Sun“. Es befasst sich mit „der größten Bedrohung für tiefreligiöse Juden“, ausgerechnet in New York, der größten jüdischen Stadt der Welt, ausgerechnet durch deren Oberbürgermeister Michael Bloomberg, ein Jude, und ausgerechnet beim Thema Beschneidung.

Ja, auch in New York wird über Beschneidung gestritten. Es geht nicht um das Ritual als solches, sondern nur um einen bestimmten Teil davon, der in einigen ultraorthodoxen Gemeinden praktiziert wird. Bei der „metzitzah b’peh“ saugt der Mohel mit seinem Mund das Blut von der Wunde ab. Bei rund 3600 Beschneidungen pro Jahr wird diese Praxis in New York angewendet. Von einer kleinen Minderheit also.

Vor knapp drei Wochen beschloss die oberste New Yorker Gesundheitsbehörde, dass die „metzitzah b’peh“ nur durchgeführt werden darf, wenn zuvor die Eltern des Neugeborenen ausdrücklich auf das Ritual hingewiesen und über dessen Risiken aufgeklärt wurden. Anschließend müssen sich die Eltern schriftlich damit einverstanden erklären. Mehr als 200 Rabbiner haben ihren Widerstand gegen die Verordnung angekündigt. Den Gemeindemitgliedern raten sie, die Bestimmung einfach zu ignorieren. Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte reglementiere eine Regierung das fundamentale jüdische Gebot der Beschneidung.

Was ist los in New York? Ist Amerika nicht das Land der unbegrenzten Religionsfreiheit? Nein, auch hier kennt man den Konflikt zwischen Religionsfreiheit, Elternrecht und Kindeswohl. Weder das Elternrecht noch das Recht auf freie Religionsausübung gelten unbegrenzt, heißt es in einem Urteil des Obersten Verfassungsgerichts.

Amerikaner glauben, dass man glauben darf, was man will, und dass sich keine Obrigkeit in Glaubensdinge einmischen darf. Amerikas vielfältige religiöse Praxis widerlegt die These, dass Modernität zur Säkularität führt. Nirgendwo sonst in der westlichen Welt wird die Religionsfreiheit vehementer verteidigt als dort. Dazu gehört der leidenschaftliche Streit. Auch in New York, auch über die Beschneidung.Malte Lehming

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