Countdown zur US-Wahl: Noch 11 Tage : Amerikas inniges Verhältnis zu seinen Veteranen

Amerika hat ein ganz besonderes Verhältnis zu seinen Veteranen. Sie beherrschen das touristische Bild in Washington D.C. und tragen noch immer die Orden ihrer ehemaligen Einheit. Dieses Verhältnis mag der Grund sein, weshalb eine Geschichte, die nichts mit der Wahl zu tun hat, solche Aufmerksamkeit erfährt.

Eine Zeremonie auf dem Arlington Cemetery.
Eine Zeremonie auf dem Arlington Cemetery.Foto: dpa

Um sich zu zerstreuen, ging Ludwig Wittgenstein in seiner Zeit am Trinity College in Cambridge gern ins Kino. Am liebsten saß er in der ersten Reihe. Englische Filme verachtete er. Statt dessen sah er sich primitive amerikanische Filme an. Bei denen, schreibt er, hätte er immer etwas gelernt.

Wahrscheinlich wäre in diese Kategorie auch der Streifen „Rambo II“ gefallen, der rund 50 Jahre später entstand. John Rambo, der mehrfach ausgezeichnete Vietnamkriegsveteran, wird viele Jahre nach Ende des Krieges beauftragt, zurück nach Vietnam zu fliegen, um herauszufinden, ob dort noch US-Soldaten in Kriegsgefangenschaft gehalten werden.

Tatsächlich stöbert er welche auf, wird aber von seinen militärischen Auftraggebern im Stich gelassen. Auf eigene Faust befreit er die Kriegsgefangenen, bringt sie nach Hause und stellt seinen Auftraggeber zur Rede.

Es gibt zwei Schlüsselszenen in dem Film. In der ersten wird Rambo von seiner vietnamesischen Verbindungsagentin gefragt, warum er nach dem Vietnamkrieg aus der Armee austrat. „Als ich nach Hause zurückkam“, antwortet er, „stellte ich fest, dass noch ein anderer Krieg stattfand, ein Krieg gegen die zurückkehrenden Soldaten. Diesen Krieg kann man nicht gewinnen.“

In der zweiten Szene, gegen Ende des Films, versucht Rambos ehemaliger Führungsoffizier, ihn wieder zum Eintritt in die US-Arme zu überreden. Rambo winkt ab. Er wolle nur, sagt er, dass Amerika seine Soldaten genauso liebt, wie diese Soldaten Amerika lieben.

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04.10.2012 07:53Die Kandidaten. Mitt Romney (links) will Präsident Barack Obama (rechts) aus dem Weißen Haus vertreiben.

Veteranen sind ein Teil Amerikas. Das Veteranenministerium („United States Department of Veterans Affairs”) hat nach dem Verteidigungsministerium mit rund 90 Milliarden Dollar das höchste Budget. Es beschäftigt rund 280.000 Mitarbeiter in Krankenhäusern, Friedhöfen und Ämtern. Das Wiedereingliederungs-, Betreuungs- und Versorgungssystem ist hoch entwickelt. Sogar über eine eigene Polizeieinheit verfügt das Ministerium („United States Department of Veterans Affairs Police“).

Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.
Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.Grafik: Tsp

Veteranen beherrschen auch das touristische Bild von Washington D.C. Sie tragen Orden und Insignien ihrer ehemaligen Einheit, kommen zum Teil im Rollstuhl oder mit Rollator. Ob einzeln oder in einer Gruppe sehen sie sich die großen Kriegs-Denkmäler auf der Mall an – Zweiter Weltkrieg, Korea, Vietnam.

Nur etwa einen Kilometer entfernt von diesen Denkmälern liegt der riesige Nationalfriedhof in Arlington. Hier bewacht die „Old Guard“, jene legendäre, älteste Infanterieeinheit der US-Armee, 24 Stunden lang am Tag bei Wind und Wetter das weiße, schlichte Grab des unbekannten Soldaten.

Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USA
Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USAFoto: Tsp

Darauf steht: “Here rests in honored glory an American soldier known but to God”. Die „Old Guard” steht auch Spalier, wenn auf dem Luftwaffenstützpunkt „Dover Air Force Base” im Bundesstaat Delaware der Leichnam eines Gefallenen ankommt.

Amerikas inniges Verhältnis zu Veteranen erklärt vielleicht, warum hier eine Geschichte, die nichts mit der Wahl und nichts mit Amerika zu tun hat, ein Echo gefunden hat. Zuerst wurde diese Geschichte von einer pakistanischen Zeitung berichtet, Mitte des Monats dann von der Nachrichtenagentur „Associated Press“ verbreitet, und Anfang dieser Woche stand sie in der „New York Times“. Es ist eine bewegende Geschichte.

Ihr zufolge hat Russland an die afghanischen Behörden appelliert, das Schicksal von 265 russischen Soldaten aufzuklären, die bis heute als vermisst gelten. Etwa 30 bis 40 davon sollen noch leben und in Afghanistan oder Pakistan eine neue Identität angenommen haben.

Einige  stammen aus muslimischen Republiken im Süden der ehemaligen Sowjetunion, andere sind zum Islam konvertiert. Für Deserteure gilt inzwischen eine Amnestie, betont Moskau. Die Vermissten könnten also unbehelligt in ihre Heimat zurückkehren.

Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, im Februar 1989 verließ sie als Verlierer das Land. Etwa 15.000 Rotarmisten waren gestorben.

Drei Jahre später gründete sich eine russische Veteranenvereinigung. Sie kümmert sich um Hinterbliebene, sucht nach Vermissten. 29 ehemalige Sowjetsoldaten hat sie in Afghanistan bereits gefunden, 22 davon sind nach Russland zurückgekehrt, sieben wollten in Afghanistan bleiben.

Die Suche nach diesen Vermissten wird von der russischen Botschaft in Kabul aktiv unterstützt. Dimitri Priymachuk, der Assistent des dortigen Militärattachés, wird von der „New York Times“ mit dem Satz zitiert: „Wie heißt es noch mal? Der Krieg ist nicht zu Ende, bevor nicht der letzte Soldat nach Hause gekommen ist.“ Das hätte John Rambo kaum besser ausdrücken können.

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