Politik : Couragiert und standfest

Florian Toncar

Hildegard Hamm-Brücher wird 85. Lohnt es sich für einen jungen Politiker, sich mit ihrem Wirken auseinander zu setzen? Ich meine, ja. Und zwar aus drei Gründen. Erstens: Hildegard Hamm-Brücher steht mit ihrer Biografie für die gesellschaftliche Öffnung Deutschlands nach dem Krieg. Frauen wie sie haben die tatsächliche Gleichberechtigung erfochten. Wie es sich anfühlte, 1950 als 29-jährige Abgeordnete im bayerischen Landtag zu sitzen, kann man sich vorstellen. Aber es war notwendig, dass es Frauen gab, die diesen beschwerlichen Weg auf sich nahmen.

Zweitens: Hildegard Hamm-Brücher hat früh eine Grundfrage aufgegriffen – Bildung und Erziehung. Sie gehörte nie zu der Spezies von Bildungspolitikern, die das Maß an Bildung proportional zu den gehaltenen Unterrichtsstunden oder geschaffenen Lehrerstellen steigen sah. Auch gehört sie nicht zu denen, die Bildung auf Berufsvorbereitung reduzieren. Sie begriff Bildung und Erziehung als umfassende Aufgabe, deren Bewältigung über das Maß an Zivilisiertheit und Demokratie in der Gesellschaft und über die Fähigkeit des Einzelnen zur Reflexion, Selbstbestimmung, Freiheit und Verantwortung entscheidet.

Drittens: Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Werte und politische Positionen oft austauschbar erscheinen, braucht es Menschen, die couragiert und standfest für ihre Positionen eintreten. Hildegard Hamm-Brücher hat es sich in der Politik nicht einfach gemacht. Weder als sie 1982 gegen die Wahl Helmut Kohls zum Kanzler eintrat, noch als sie 2002 nach den verbalen Ausfällen Jürgen W. Möllemanns aus berechtigtem Ärger aus der FDP austrat. Ich habe dies sehr bedauert. Aber Hildegard Hamm-Brücher ist sich damit treu geblieben. Und das ist mehr wert als Beifall im Einzelfall.

Der Autor ist mit 26 Jahren jüngster Bundestagsabgeordneter der FDP.

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