CSU : Ilse Aigner will zurück

Seit sie beschlossen hat, ihr Amt als Bundeslandwirtschaftsministerin aufzugeben und 2013 für den Landtag zu kandidieren, kann Ilse Aigner sich vor Zuneigung kaum retten. „Gut, dass du wieder da bist“, sagen sie bei ihr zu Hause, in Bayern. Dass sie aber zurück will, einfach nur so, das glaubt ihr dort niemand.

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Wohlsein. Ilse Aigner bei den Ihren – und ganz bei sich.
Wohlsein. Ilse Aigner bei den Ihren – und ganz bei sich.Foto: dpa

Mit der Ilse ist es so, dass praktisch alle sie gut leiden können. Deshalb sagt ja jeder „die Ilse“ und nicht „die Aigner“, im Gegensatz zu solchen, die gesprächsweise zum Beispiel als „der Söder“ oder „die Haderthauer“ firmieren. Die Zuneigung war immer da, hat sich über ihre Berliner Jahre hinweg jedoch nur sehr unauffällig geäußert – hier ein wohlwollendes Nicken, da ein freundliches Schulterklopfen. Seit drei Wochen ist alles anders.

Seit Ilse Aigner beschlossen hat, ihr Amt als Bundeslandwirtschaftsministerin demnächst aufzugeben und 2013 für den Landtag zu kandidieren, kann sie keinen Fuß mehr auf heimischen Grund setzen, ohne angestrahlt zu werden. „Gut, dass du wieder da bist“, sagen die Leute. Bloß ein paar finden es nicht so gut, der Söder zum Beispiel oder die Haderthauer. Man wird gleich noch sehen, warum.

Das Zentrale Landwirtschaftsfest in München ist eine Messe mit Tradition, vor allem aber fast so eine Gaudi wie das Oktoberfest auf der Theresienwiese direkt nebenan. Kleine Jungs klettern in die Cockpits der neuesten Traktor-Giganten, große Jungs begutachten die Innovationen auf dem Gebiet der Brennholzschnitzelfräse, und alle zusammen halten sich begeistert die Ohren zu, wenn draußen vor der Tierhalle ein rostbrauner „Lanz Bulldog“ aus dem Jahr 1930 seinen einzigen Sechs-Liter-Zylinder lospoltern lässt.

In der Schauküche der Landfrauen löffelt Horst Seehofer eine Versoffene Jungfer aus der Tasse. „Genauso gut wie zu Hause,“ lobt der Ministerpräsident das fränkische Schmalzgebäck in Vanillesauce. „Wunderbar!“ ruft die Ilse aus und nimmt die Köchin in den Arm. Aber weil die Fotografen ein noch schöneres Bild brauchen, drückt die Ilse dem Horst die Teigschüssel in die Hand und greift zum Elektromixer. Der Horst hält fest und lächelt aus seinem grauen Anzug pflichtgemäß in die Kameras. Ihn nennen sie „den Horst“ übrigens nicht, weil sie ihn alle leiden können, sondern wegen seiner Horstigkeit. Kaum dass das Foto fertig ist, strebt er dem Ausgang zu. Die Ilse rollt erst noch fix das Kabel auf, damit keiner stolpert. Man könnte dahinter eine dezente PR-Maßnahme wittern, von wegen Ministerin für Verbraucherschutz. Es ist aber einfach bloß fürsorglich.

Außerdem hat sie nun wirklich keine Werbung in eigener Sache nötig. Eher muss sie langsam etwas dämpfen. Vorhin in ihrem Grußwort zur Eröffnung des Festes im Zelt des Bauernverbands hat sie darauf angespielt, dass man ja derzeit dies und das in der Zeitung lese. Deshalb, jawohl, es stimme, es gebe eine Abmachung zwischen Seehofer und ihr: „Du bist Ministerpräsident und Du wirst uns auch erfolgreich in die Zukunft führen“ – während sie noch ein Jahr in Berlin und Brüssel für die Bauern kämpfen werde und dazwischen in Oberbayern um ein Direktmandat für den Landtag.

Klingt ganz einfach und logisch. Ist es aber nicht. Dass jemand eine Bundeskarriere aufgibt und in die Landesliga wechselt, passiert in der Politik noch seltener als im Fußball. Wenn er dann auch noch behauptet, er wolle da bloß mal in der Mannschaft mitspielen, darf er endgültig sicher sein, dass ihm das keiner abnimmt. Die Moderatorin, die Aigner zu einer Fachdiskussion auf der Bühne begrüßt, glaubt es jedenfalls nicht: „Die Kronprinzessin in Bayern, wie wir alle wissen!“ Der Präsident des Bauernverbands glaubt es auch nicht: Bundeslandwirtschaftsminister gewesen zu sein sei inzwischen die „Mindestanforderung“ für das Ministerpräsidentenamt.

Der Inhaber dieses Amtes glaubt es erst recht nicht. Horst Seehofer pflegt seit langem eine Technik der vorbeugenden Ironie. Wenn etwas oder jemand seiner Kontrolle zu entgleiten droht, dann macht er einen Spaß. Das erspart ihm ernsthafte Antworten, und er erhebt sich damit selbst auf mal subtile, mal brachiale Art über die Objekte seiner Scherze. „Ich bedanke mich bei Ilse Aigner für die für mich völlig überraschende Liebeserklärung“, sagt er also diesmal im Festzelt des Bauernverbands.

Falls die Zuhörer in den langen Tischreihen das komisch finden sollten, lassen sie es sich nicht anmerken. Für die „Kronprinzessin in Bayern“ gibt es hingegen herzlichen Applaus von den Messebesuchern. Der Gedanke scheint den Leuten weder abwegig noch unangenehm zu sein, sondern ganz natürlich. Darin liegt eine der tieferen Erklärungen für die Karriereentscheidung der Ilse Aigner. Sie ist hier zu Hause.

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