CSU-Parteitag in Nürnberg : Die alten Rezepte versagen

Die Welt hat mal wieder nichts verstanden. Deshalb muss Horst Seehofer beim CSU-Parteitag einiges geraderücken. Dabei ist die Sprachenpanne nicht nur eine Episode, sondern Symptom für die Gesamtlage.

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Parteichef Horst Seehofer beim CSU-Parteitag in Nürnberg
Auf ihre Art. Parteichef Horst Seehofer bemüht die Worte eines großen Vorgängers, um zu belegen: Die CSU ist eine liberale Partei.Foto: Patrick Seeger/dpa

Horst Seehofer versteht mal wieder die Welt nicht mehr. Die Welt will seine CSU einfach nicht verstehen. Also, jedenfalls nicht richtig. Seehofer schlendert durch das Foyer einer Nürnberger Messehalle und stellt sozusagen im Vorübergehen etwas klar. Dass Ausländer zu Hause Deutsch reden sollten, das sei natürlich nie anders gemeint gewesen, als es jetzt im Leitantrag zum CSU-Parteitag steht: „motivieren“ wolle man die Leut’, aber doch nichts vorschreiben!

Der CSU-Chef schüttelt mit sanftem Tadel den Kopf. Wie man bloß auf die Idee kommen kann, in die ursprüngliche Formulierung anderes hineinzulesen, bloß weil es da hieß, Ausländer sollten „angehalten“ werden zum Gebrauch der deutschen Sprache auch in den eigenen vier Wänden! „Sie verstehen alle unsere bayerische Liberalität nicht“, sagt Horst Seehofer. Sie alle, also die Welt da draußen.

Die Reihen licht, der Christkindlesmarkt überfüllt

Der CSU-Parteitag ist in diesem Jahr für den Chef und seine Anhänger mehr eine Pflichtveranstaltung als ein Vergnügen. Von den 1000 bestellten Delegierten sind, wenn man so durch die lichten Reihen schaut, ein paar Hundertschaften zwischendurch auf dem berühmten Christkindlesmarkt Weihnachtsgeschenke einkaufen. Und der Delegierte, der am Freitagabend beim Hinausgehen sein Namensschild auf den Garderobentisch wirft, ist auch nicht der einzige, der den zweiten Tag inklusive der Rede seines Vorsitzenden verzichtbar findet.

Amtlich heißt das Ereignis „Arbeitsparteitag“. Man soll das nicht lächerlich machen. Parteien leben nicht nur für die großen Fragen der Menschheit. Schlechte Schulbusverbindungen auf dem Land sind für viele der Delegierten wichtiger als die meisten „Tagesschau“-Themen.

Für die CSU als Ganze und ihren Chef im Besonderen sind die Schulbusverbindungen keineswegs unwichtig. Aber Seehofer weiß natürlich, dass er es damit niemals in die „Tagesschau“ schafft. Deshalb ist die Sache mit der Sprachpolizei-Formel so ärgerlich. Den Ausländern sagen, wo es für sie langzugehen hat in der bayerischen Liberalität, hat sich ja auch in der Vergangenheit immer mal bewährt für den inneren Zusammenhalt und die Profilierung der Partei als Bewahrer des christlichen Abendlandes. Aber diesmal ist es schief gegangen, und Seehofer muss klarstellen.

Das könnte als Episode durchgehen, wenn man nicht den Verdacht hätte, die Sprachenpanne sei ein gar nicht so untypisches Symptom für die Gesamtlage. Die CSU hat es im Moment schwer, als treibende Kraft der Politik wahrgenommen zu werden. Und wenn sie es versucht, dann funktionieren die alten Instrumente nicht.

Der Spagat der bei Europa-Wahl war zu groß

Für diesen Verdacht gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Belegen. Das schwache Ergebnis bei der Europawahl war der deutlichste. Den Peter Gauweiler als antieuropäischen Heimattümler zum Gesicht der Wahlkampagne zu machen, wäre vor zehn Jahren vielleicht noch eine brauchbare Strategie gewesen. Aber inzwischen räumen alle ein, dass der Spagat zwischen Anti-Gauweiler und der „Europapartei“ CSU einfach zu groß war. Die richtigen Anti-Europäer haben die „Alternative für Deutschland“ (AfD) angekreuzt, vom Rest sind zu viele kopfschüttelnd zu Hause geblieben: Was jetzt, Gauweiler oder Edmund Stoiber?

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