CSU-Parteitag : Pauschales Eigenlob

Am Tag nach dem Merkel-Auftritt feiert sich die CSU heftig und übergeht die Demütigung klaglos. Beckstein und Huber schmeicheln einander, eine Bußbotschaft an die Basis.

Robert Birnbaum[Nürnberg]
CSU-Parteitag in Nürnberg
Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (links) und der CSU-Parteivorsitzende Erwin Huber geben sich selbstbewusst. -Foto: dpa

Im Grunde genommen können sie heilfroh sein bei der CSU, dass ihnen Angela Merkel so hartnäckig mit der Pendlerpauschale nicht zu Willen ist. Weil, was sie ansonsten mit diesem Parteitag angestellt hätten sieben Wochen vor der Landtagswahl, das kann man am Samstag früh in der Nürnberger Messehalle erahnen. Auf jedem Delegiertenplatz liegt eine Brezn. An einem Fädchen daran baumelt ein blaues Schildchen: „B wie Bayern, B wie Beckstein“. Und wie Brezn. Klein und hart ist das Salzgebäck, irgendwie verdruckst. Dem Motto an der Wand: „Für ein starkes Bayern“ wird die Brezn nicht gerecht.

Tatsächlich ist den Christsozialen der Pendler-Zank mit der großen Schwesterpartei gerade eben zupassgekommen. Auch auf längeres Nachdenken hin fällt Spitzen-Christsozialen nämlich nichts ein, was denn sonst als Zugnummer für den Wahlkampf hätte herhalten können. Dafür nehmen sie sogar in Kauf, dass ihnen die Kanzlerin gleich zum Auftakt ihres Parteitags gezeigt hat, wo – rhetorisch, inhaltlich, machtpolitisch – der Hammer hängt. Eine Demütigung? Ach was. „Das war doch immer so“, sagt ein Präsidiumsmitglied. Die gefühlte bundespolitische Stärke der CSU hat sich schließlich nie daran bemessen, was die Bayern für Bayern durchgesetzt haben, sondern unter welchem Aufwand von Krawall diese Siege erzielt wurden. Je größer der Feind, desto größer die Ehr’ – auch deshalb sind Parteiobere wie einfache Delegierte sehr einverstanden mit Merkels starkem Auftritt. „Unsere Leute wollen doch auch stolz sein auf unsere Kanzlerin“, sagt ein ausgewiesener Basiskenner.

Andererseits war der Eindruck, den die kämpferische Merkel hinterlassen hat, denn doch so, dass der Ministerpräsident Günther Beckstein das P-Wort nicht in den Mund nimmt und der Parteivorsitzende Erwin Huber nicht die CDU-Vorsitzende, sondern den SPD-Finanzminister Peer Steinbrück dafür geißelt, dass er die Pendlerpauschale ablehnt. Beckstein ist trotzdem noch ein wenig nachtragend und merkt deshalb an, dass er in seiner Regierungserklärung vor Jahresfrist schon Bildung in den Mittelpunkt gestellt habe. „Wir warn eher als andere“, fränkelt Beckstein. Die „anderen“, das ist Merkel und ihre „Bildungsrepublik“-Rede.

Ansonsten ist von Becksteins Rede zu sagen, dass er gegen Ende seine Sätze gelegentlich ins milde Sinnwidrige verkürzt, was dann beispielsweise zu der Forderung nach „Verlängerung der Kernkraftwerke“ führt. Auch lobt er seinen Tandempartner Huber und die beiderseitige Zusammenarbeit auf das Überschwänglichste. „Bei 99 Prozent der Fragen sind wir automatisch derselben Auffassung“, sagt er, über das restliche Prozent einige man sich in ein, zwei Minuten am Telefon. Huber wird später artig zurückgeben: „Lieber Günther, du bist der richtige Ministerpräsident für Bayern.“

Das ist eine Art Bußbotschaft in die Partei hinein. Die Delegierten erinnern sich nämlich noch sehr gut, wie das Duo durch seine ersten Monate übereinander her gestolpert ist. Das hat sich demoskopisch damals derart niedergeschlagen, dass das Ende der absoluten Mehrheit nicht nur realistisch, sondern schlicht wahrscheinlich erschien. Inzwischen herrscht wieder ein gewisser Optimismus. Irgendwo zwischen 48 und 52 Prozent pendeln die Umfragen, mit einer leichten Tendenz über die magischen 50 hinaus.

Trotzdem muss festgehalten werden, dass Beckstein das Wort „selbstbewusst“ in allen seinen Varianten so oft benutzt, dass man den Verdacht nur schwer los wird, es handele sich um eine Selbstbeschwörung. Huber beginnt seine Ansprache sogar mit dem Satz: „Dies ist ein guter Parteitag, und wir sind eine ganz tolle Partei“ – durchaus befremdlich für eine CSU, in der Zweifel an der eigenen Einzigartigkeit bis vor kurzem als unanständig galten. Als Beckstein neulich halblaut sinnierte, dass bei 50 minus X die Welt auch nicht untergehe, hat ihm der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber denn auch den Kopf gewaschen. Aber die Zweifel sind da. Huber verwendet seine ganze Rede darauf, gegen sie anzukämpfen. Als eine Art apokalyptischen Karnevalszug malt er die Anti-CSU-Koalition aus: „Vorneweg einer im Obama-Shirt, dann die grünen Hofnarren, die rote Garde, zum Schluss die Freien mit ihrem Funkenmariechen“ – gleich zweimal beschwört er den Schrecken: „Davor müssen wir unser Land schützen!“ Aber Huber weiß auch, wo der wahre Feind der CSU sitzt. Nicht bei ihren Gegnern nämlich, sondern da, wo einmal die eigenen Reihen waren: „Keiner darf am 28. September aus Bequemlichkeit zu Hause bleiben!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben