CSU-Parteitag : Spottduell zwischen Merkel und Seehofer

Versteckte Tritte, offene Häme: Die Kanzlerin und der CSU-Chef schenken sich auf dem Parteitag in Nürnberg nichts. Dennoch geloben sie, gemeinsam einen harmonischen Wahlkampf zu führen.

Michael Schlieben[Nürnberg]
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Freundlich mit Spitzen: Horst Seehofer und Angela Merkel. -Foto: dpa

Das letzte Wort will sie sich nicht nehmen lassen, nicht an ihrem Geburtstag, nicht nach dem versteckten Spott, den sie vom CSU-Chef ertragen musste. Gerade hat Horst Seehofer Angela Merkel auf dem Parteitagspodium reichlich nonchalant als "bestes Stück" der Union bezeichnet und ihr danach ein Wörterbuch: Deutsch-Bayrisch geschenkt. "Damit du mich vielleicht künftig etwas besser verstehst." Außerdem verspricht er, dass sie sich im Wahlkampf auf die "Unterstützung aus dem Süden" verlassen könne. Denn ohne die guten CSU-Ergebnisse könnte Merkel ja bekanntermaßen nicht regieren.

Angela Merkel hat mit lauerndem Gesicht den Frozzeleien zugehört. Schief lächelnd, wie man das macht bei vergiftetem Lob. Dann pirscht sie sich noch einmal an das Saal-Mikrofon heran – und kontert: Ihr mache es Spaß, "wenn bei euch was los ist". Mit mahnenden Worten verabschiedet sie sich von der Schwesterpartei: "Bleibt froh, bleibt friedlich." Schon vorher hatte Merkel lächelnd zurückgestänkert: "Wenn Horst Seehofer sagt: Wir haben wieder Biss, dann sage ich: Gut so, aber beißt die Richtigen."

Man merkt: Hinter Seehofer und Merkel liegt eine lange Streitphase. Mehrfach waren die beiden zuletzt aneinandergerasselt. Mal ging es um das gemeinsame Wahlprogramm, in das die CSU gern einen Termin für die nächste Steuererleichterung hinein geschrieben hätte. Mal ging es um die Zukunft der Europäischen Union, die die CSU gern stärker von den Nationalparlamenten und Bürgern kontrolliert sähe. Aber gleichzeitig ging es immer auch um die innerparteilichen Hoheit, um die Deutungsmacht im Schwesternverhältnis.

Die Wogen sind nun gerade wieder geglättet. In den meisten Streitpunkten hat man Kompromissformulierungen gefunden. Deshalb wollen weder Merkel noch Seehofer das große Streit-Fass noch einmal aufmachen und sich die unterschiedlichen Ansichten um die Ohre hauen. Nein, sie beschränken sich an diesem Freitag, an dem Merkel Geburtstag hat und Seehofer seinen ersten Parteitag als Chef, auf kleine Symbole, auf Spielchen und Machtdemonstrationen.

Und das von Anfang an. Auf der Machtspielchen-Skala hatte der Parteitag jedenfalls für Seehofer mit einer Niederlage begonnen. Anders als die Kanzlerin wurde er keinesfalls frenetisch von den Delegierten begrüßt. Seehofer zog fast unbeachtet in die Messehalle ein, vorbei an Trachten und Dirndln, bereit zum Winken und Lächeln. Obwohl Seehofer eine große Entourage begleitete, schlug ihm fast frostige Distanz entgegen.

Ein Zufall? Keineswegs, wie sich bei der Eröffnungsrede seines Generalsekretärs Alexander Dobrindt wenige Minuten später zeigte. Dobrindt begrüßte die einzelnen Würdenträger der CSU namentlich. Natürlich begann er mit seinem Chef. Applaus kam zwar, aber er hätte lauter sein können. Manche klatschen gar nicht. Dafür trommelten dieselben Klatschverweigerer auf die Tische, als kurz danach Günter Beckstein begrüßt wurde, der von Horst Seehofer abgelöste Ex-Ministerpräsident.

Der Applaus für den Gestürzten wurde immer lauter und rhythmischer. Dobrindt kam minutenlang nicht zu Wort. Mehrfach setzte er an, musste aber wieder abbrechen. Ähnlich dröhnend war der Applaus bei Karl-Theodor zu Guttenberg. Auch er ist Franke, auch er hat sich zuletzt als Seehofers inhaltlicher Gegenspieler profiliert.

Seehofer ist anzusehen, dass ihm das nicht passt. Noch während Dobrindt die Landtagspräsidentin begrüßt, steht er auf und verlässt die Halle. Eine große Traube an Kameramännern schließt sich ihm an. Dobrindt kommt kurz ins Stocken. Beckstein schüttelt leise den Kopf. Seehofer muss wohl allen demonstrieren, wer hier der Chef im Ring ist, scheint er zu denken.

Aber Seehofer hat noch einen anderen guten Grund: Merkels Ankunft ist angekündigt worden, deshalb wartet er vor der Halle mit dem CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla auf die Kanzlerin. Und wartet. Und wartet. Die nächste Machtdemonstration: Merkel lässt sich Zeit. Seehofer fletscht die Zähne und schaut ins Leere. Mit Pofalla wechselt er kein Wort.

Endlich kommt das Geburtstagskind. Die Presse stürzt sich auf sie, ein paar demonstrierende Milchbauern auch. Irgendwo dazwischen: Seehofer, immer noch Zähne fletschend. Merkel wird von einem Milchbauer auf Streit in der Politik angesprochen. Merkel sagt: "Wir beide liegen auf einer Linie." Und tätschelt Seehofer den Oberarm. Der will etwas erwidern. Ihm fällt aber nichts ein.

Und dann ging es doch noch ein bisschen um Politik. Merkel erhält den Begrüßungsapplaus, der Seehofer verweigert worden ist. Danach hält sie eine Grundsatzrede, keine wahnsinnig mitreißende, aber immerhin: eine hochkonzentrierte. Sonst verhaspelt sich Merkel zuweilen, wenn sie lange Reden hält. Dann liest sie ab und ist mit den Gedanken woanders. Heute aber ist Merkel hochkonzentriert. Sie spricht frei, die Betonungen sitzen.

Merkel beginnt mit einer Schelte für Linkspartei und Sozialdemokraten. Ein rhetorischer Trick: Wer auf den gemeinsamen Gegner schimpft, dem ist das Publikum freundlicher gesinnt. Merkel kritisiert also das "spalterische" Vorhaben der Linken, eine "Reichensteuer" einzuführen. Dann sagt sie, gute Politik müsse verlässlich sein, dürfte nicht populistisch, sondern immer verantwortungsbewusst sein. Heimlich hat sich Merkel längst von der Linken abgewandt. Es ist eine versteckte Kritik an Horst Seehofer.

Wenn sie daran erinnert, dass die Union Europa aufgebaut hätte, ist das ein deutlicher Wink an Seehofer, der zuletzt einen latent EU-skeptischen Wahlkampf geführt hatte. Wenn sie sagt, dass die, die "Wohltaten in den nächsten zwei, drei Jahren versprechen" die bittere Realität des Bundeshaushaltes verkennen, meint sie nur vordergründig die Linke. Merkel kritisiert die Populisten, ohne Seehofer namentlich zu nennen.

Zum "lieben Horst" sagt sie nur: Sie sei sicher, dass man "Arm in Arm" in den Bundestagswahlkampf marschieren werde. Nach ihrer Rede lässt Seehofer sich Zeit, bis er sich erhebt. Er sagt: "Es wird eine sehr, sehr gute Zusammenarbeit."

Quelle: ZEIT ONLINE

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