CSU : Trachten und Prügel

Bierzelt, Musik und der Glaube an den Parteivorsitz: Horst Seehofer ist auf Sommerwerbetour, er macht sich neue Freunde in der CSU. Sein Rivale Erwin Huber macht sich’s schwer.

Mirko Weber[Riedering / Utting]
Horst Seehofer
Läuft zu Hochform auf: Horst Seehofer in Riedering bei Rosenheim. -Foto: ddp

Horst Seehofer, der eine von den beiden Daueraspiranten auf den Vorsitz der CSU, hat sich entschlossen, bei seiner Sommerbierzeltwerbetour auf rhetorische Lakonie zu setzen. Jedenfalls in einer bestimmten Beziehung. Dabei hat er im hinter Rosenheim gelegenen Riedering zunächst die Rechnung ohne den Trachtenvereinsvorsitzenden gemacht, der ihm bei der Begrüßung die Beschäftigung mit der öffentlich viel diskutierten Berliner Affäre förmlich anträgt, indem er augenzwinkernd feststellt, dass der Seehofer im Augenblick „halt der Interessanteste in der Partei“ sei.

Seehofer jedoch, der einen hellen Folklorejanker trägt, macht vorne neben der Musi einen Buckel wie eine Katze und tut anschließend den Teufel, darauf einzugehen. Sollen doch die „Magazine schreiben, was sie wollen“, sagt Seehofer. Er hat jetzt anderes im Sinn. Nämlich den Parteivorsitz, und es scheint ihn schon anzustacheln, dass in den Umfragen behauptet wird, er, Seehofer habe auf dem Münchner Parteitag Ende September keine Chancen mehr gegen den in der Partei erheblich tiefer verwurzelten Erwin Huber.

Gewissermaßen unter der Hand bietet Seehofer in Riedering alles auf, womit man sich in den Reihen der CSU Freunde macht. Er huldigt der Tradition („Weitergabe des Feuers“), bringt öfter Mutter und Vater („ein Bauarbeiter“) ins Spiel, würdigt Brüssel, aber nicht zu sehr – und singt das große Loblied auf die Subsidiarität: „lokal handeln, kleine Einheiten“, heißt das auf Seehofersch. Das Ganze in einer Manier, die zunächst nur entfernt, dann aber, je länger, je mehr, fast voll und ganz und bis in die Diktion hinein an Franz Josef Strauß erinnert, dessen Name Seehofer so oft erwähnt wie keinen zweiten.

Es hat schon andere gegeben, sagt Seehofer, die ganze Parteitage stimmungsmäßig gedreht haben, und wenn er von Lafontaines Befähigung als Stimmenfänger für die Linkspartei redet, weiß er sehr gut, von welchen Qualitäten er da spricht.

Im Übrigen gehört ihm, wenn man genau zuhört, sowieso schon eine ganze Menge, ohne dass er Vorsitzender ist. In einem fort sagt er „meine Partei“, was Erwin Huber wiederum im Traum nicht einfiele. Während Seehofer in Riedering die Frühschöppner mühelos auf seine Seite zieht, hat Huber am Abend drauf in Utting am Ammersee sehr zu kämpfen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Der Tag war lang und heiß, und den meisten Leuten steht noch Bad und Sonne ins Gesicht geschrieben. Da hört man nicht so gerne Einzelheiten zur Rentenversicherung.

Genau solche Details aber sind Hubers Stärke; er wäre nicht dahin gekommen, wo er jetzt ist, wenn er als bitterarmer Leute Kind nicht von Anfang an auf die Kleinigkeiten geachtet hätte. Da er nichts dem Zufall überlässt, waren seine Helfer bestimmt auch einmal beim Seehofer im Zelt, was dazu geführt hat, dass Hubers Anliegenliste, die er Stück für Stück abhakt, noch länger geworden ist. Er kann jetzt auch aus seiner Sicht Dezidiertes zum Milchpreis oder zu den Mauerschüssen sagen.

Erwin Huber ist noch nicht am Ziel, auch wenn die Zahlen momentan stimmen. Es ist auch der unstete Blick, mit dem er Umschau hält, an dem sich festmachen lässt, dass er sich wohl bis zum letzten Moment nicht sicher sein wird, ob nicht doch der große Seehofer dem kleinen Huber, der einfach immer nur sein’ Sach’ besonders gut machen will, den Rang abläuft.

Und er hat zum Misstrauen allen Grund, denn schließlich kann er Tag für Tag lesen, dass zwar sein künftiger Ministerpräsident Günther Beckstein sich keinen anderen wünsche als ihn zur Seite. Der noch amtierende Edmund Stoiber, für den Huber jahrelang den Buckel hingehalten und die Prügel kassiert hat, berauscht sich hingegen immer wieder aufs Neue an der Vorstellung, dass da eigentlich doch zwei gleich geeignete Kandidaten gegeneinander anträten – und die glückliche CSU: juble! Stoiber hat Huber die Revolte von Wildbad Kreuth nie vergessen.

Erwin Huber sagt in Utting, die Delegierten sollten Ende September einfach nur nach dem Alphabet vorgehen, da käme H vor S. Das soll ironisch klingen, aber im Ernst hat sich noch kein Mensch defensiver, ja demütiger beworben. Kann sein, Erwin Huber kommt, wenn er allweil ganz klein beigibt, als Parteivorsitzender davon. Horst Seehofer aber scheint noch Größeres vorzuhaben.

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