Politik : Da ist doch was verrückt

Von Lorenz Maroldt

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Millionen Deutsche schauen jeden Tag in die Abgründe der Weltwirtschaft. „Vodafone“ steht auf ihrem HandyDisplay, und der Name Vodafone steht für maßlose Gier, eitle Arroganz, Verachtung des Rechtsstaats, Verhöhnung der Gesellschaft. 30 Millionen Euro hat der Manager Klaus Esser auch dafür kassiert, dass er half, den Aktienkurs während der Übernahmeschlacht zwischen Vodafone und Mannesmann in himmlische Höhen zu treiben. Bis zu 20 Milliarden Euro will das britische Unternehmen dadurch sparen, dass es seine erworbenen Aktienpakete geschickt hin- und herschob und deren Wert dann in Deutschland zurück auf die Erde brachte. In den Büchern steht ein satter Verlust. Die heiße Luft verrechnet Vodafone gegen echte Gewinne, Steuern werden nicht gezahlt.

Alles ganz normal, behauptet das Unternehmen. Aber wenn das normal ist, sind wir alle verrückt.

Mit 20 Milliarden könnte Vodafone 666 Klaus Essers abfinden. Mit derselben Summe könnte aber auch das Land Berlin ein Jahr leben, ohne Zuschüsse vom Bund oder den Ländern, ohne sonstige Steuereinnahmen: der Haushalt der Stadt beträgt gut 20 Milliarden.

Niemand habe bei der ganzen Angelegenheit auch nur einen Cent verloren, hatte Klaus Esser seine Abfindung verteidigt. Niemand – abgesehen von der Gesellschaft, vom Staat, dem eigenen Land. Wie klein doch der Horizont mancher ist, die sich für globalisiert halten.

Deutschland sei das einzige Land, in dem Menschen dafür vor Gericht gestellt würden, dass sie Werte schaffen, hatte Deutsche-Bank-Chef Josef Victory Ackermann beim Mannesmann-Verfahren getönt. Welche Werte meinte er? Etwa jene, die von unsichtbaren Mächten vernichtet wurden, auf dass sie jetzt von einem ausländischen Unternehmen als Teilwertabschreibung beim deutschen Finanzamt geltend gemacht werden können?

Das Verfahren gegen Esser und Co. schade dem Standort Deutschland, mäkelte Angela Merkel in einer dubiosen Abwägung, bei der die Rechtssicherheit aller den Gewinninteressen Einzelner unterlag. Das Verhalten von Firmen wie Vodafone aber richtet mehr Schaden an, als selbst eine Eiserne Lady zu ertragen vermag: Das Unternehmen polarisiert die Gesellschaft wegen der Größenordnung der gehandelten Summen und wegen der Großherrlichkeit seiner Vertreter in gefährlicher Weise. Es erschüttert das Vertrauen in staatliche Institutionen und zerstört die Hoffnung auf ein bisschen Gerechtigkeit während eines heiklen Reformprozesses. Entgegen anders lautenden Behauptungen aus globalisierten Sphären: Es ist eben nicht automatisch gut für alle, was gut für die Wirtschaft ist.

Vodafone wäre aus Sicht seiner Eigentümer, also der Aktionäre, ein schlecht geführtes Unternehmen, würde es seine Möglichkeiten nicht nutzen. Deutsche Firmen wie die Telekom schreiben ebenfalls Milliarden ab. An die Verantwortung, an die Moral oder gar Vaterlandsliebe global handelnder Unternehmen zu appellieren, ist deshalb das zweifelhafte Privileg jener, die der Fantasie und dem Geschick der Manager stets ein paar Sonnenaufgänge hinterher sind – also der Politiker aller Parteien, die sich jetzt wieder aufs Schönste empören. Ein bisschen nachgebessert haben sie zwar: Abschreibungen, wie sie Vodafone für frühere Jahre geltend macht, wären in dieser Höhe heute nicht mehr möglich. Aber den Unternehmen wird wieder etwas Neues einfallen, ganz legal, ganz normal. Verrückt genug dafür sind sie. Wir auch.

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