Politik : Da klicken die Handschellen

DER DEUTSCHE HACKER

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Von Andreas Oswald

Er hat es der ganzen Welt gezeigt, dieser Hacker. Zunächst verbreitete er Entsetzen. Millionen Menschen mussten zu Hause oder in ihren Büros hilflos mitansehen, wie ihre Computer einknickten. Großkonzerne, kleine Firmen und eine unbekannte Zahl von Ärzten, Rechtsanwälten und Architekten waren betroffen. Der Schaden ist kaum zu ermessen, die Tat eindeutig kriminell.

Als die Nachricht eintraf, der Täter sei ein deutscher Schüler, mischte sich in den allgemeinen Ärger doch auch stille Bewunderung. Wer hätte das gedacht: Pisa zum Trotz hat es ein 18-Jähriger aus dem Dorf Waffensen bei Bremen geschafft, mit seinem Internetwurm „Sasser" den alles beherrschenden Großkonzern Microsoft zu überlisten. Damit hat Deutschland einen der erfolgreichsten Hacker aller Zeiten. Doch eine tolle Tat?

Was nach einem Orden klingt – wenigstens ein Bereich, in dem wir Weltmeister sind –, hat Stolz nicht verdient. Als Vorbild taugt dieser junge Mann nicht, als Kultfigur schon gar nicht. Computersabotage richtet hohen wirtschaftlichen Schaden an, sie ist aus gutem Grund strafbar: Fünf Jahre Haft muss gewärtigen, wer hier über die Stränge schlägt.

Bleibt die Frage, was einen 18-Jährigen bewegt, so etwas zu tun? Nur, weil Jugendliche gerne mal die Grenzen testen? Er hatte keinen Profit davon, höchstens den Reiz, einer der Besten zu sein: der Beste unter seinen Altersgenossen, der Beste in der gegenwärtigen Hackerszene, der beste Underdog in der Milliardenbranche, die von Microsoft beherrscht wird. Er allein gegen Microsoft, ein selbst ernannter David gegen Goliath, Rebell gegen das Imperium, Luke Skywalker gegen Darth Vader. Was für eine virtuelle Welt!

Aber wie er denken Millionen Kids auf diesem Planeten, die sich in einen – illegalen – Wettkampf begeben: mit Intelligenz, Ausdauer und harter Arbeit. Tag und Nacht versuchen sie, in fremde Computersysteme einzudringen, das amerikanische Pentagon und seine Sicherheitschecks zu blamieren, oder die Nasa, oder Microsoft, dessen gut bezahlte Entwickler es nicht schaffen, ein sicheres System herzustellen. Es geht darum, sich in die Computergeschichte einzuschreiben, Spuren zu hinterlassen, ohne gefasst zu werden. Kick durch Chaos. So klingt es schrill – und eben kriminell.

Doch jammern und schimpfen und verurteilen hilft nicht. Obwohl wir Deutsche das fraglos besonders gut können. „Inder statt Kinder", hieß es einmal – könnte es sein, dass unsere Kinder die Inder von morgen sind? Dass wir die Fähigkeiten der Jugend, die Potenziale der Kinder unterschätzen und ihre Interessen grundfalsch einschätzen? Es ist doch schon eine Ironie, dass der spätpubertäre Rebell in seinem trotzigen Aufbegehren gegen die ignorante Erwachsenenwelt in Wirklichkeit die Anerkennung sucht. Wird sie ihm, und nicht nur ihm, zu sehr verwehrt? Man wird ja noch mal fragen dürfen. Denn: Der 18-Jährige wollte Karriere machen als Programmierer. Ungeachtet seiner offenkundigen Fähigkeiten bekam er auf Bewerbungen nur Absagen.

Was andererseits sogar ganz gut so sein kann; und auch wieder eine ganz eigene Ironie hätte. Denn wer nach Lücken im System sucht und nach Lücken in der Wirtschaft, nach Bereichen, die noch nicht erschlossen sind; wer gegen Gewissheiten rebelliert und Ideen für Neues hat, der schafft Fortschritt. Und Wachstum. Ja, und manchmal geht das auf verschlungenen Wegen: Wenn Microsoft jetzt unfähige Leute rauswerfen und dafür Fähige einstellen würde. Diesen 18-Jährigen zum Beispiel. Ein naive Vorstellung? Vorsicht! Der kann auch aus dem Gefängnis heraus Programme schreiben.

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