Politik : Da kommt Geschichte

Von Hermann Rudolph

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Die letzte Stele des HolocaustMahnmals, die an diesem Mittwoch gesetzt wird, rückt zweierlei ins Bewusstsein: einmal, natürlich, dass ein großes, umstrittenes Vorhaben seiner Vollendung entgegengeht. Zum anderen aber auch, dass sich der denkwürdige Vorgang in einer Routinehaftigkeit vollzieht, die in erstaunlichem Kontrast zu den Debatten steht, die ihn von Anfang an begleitet haben. Tatsächlich drangen seit dem DegussaKrach fast nur noch die üblichen Baugeräusche von diesem Platz in der Stadtmitte herüber. Bleibt die Frage: Ist das unspektakuläre Erreichen dieses Schlusssteins ein Indiz dafür, dass mit der Verwirklichung des Betonfeldes der Streit darüber ausgestanden wäre? Hätte gar der alte Argwohn am Ende doch Recht, dass das Mahnmal zu einem Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheitsbewältigung wird?

Gegenthese: Wir befinden uns erst am Anfang des Lebens mit dem Mahnmal. Erst wenn die Baumaschinen weggeräumt sind, wenn statt der Pirschgänge, die einzelne bisher in das Bauwerk unternommen haben, die Ströme der Besucher beginnen, wird das gewaltige Stelenfeld mitten in der Regierungsmeile in den Gesichtskreis der Deutschen treten. Waren die Befürworter des Umzugs nicht auch deshalb für Berlin, weil sie glaubten, die Bundesrepublik wäre hier der deutschen Geschichte näher als in Bonn? Bislang konnte die Republik sich in dem Glauben beruhigen, das sei mit dem Reichstag und dem Erbteil Preußen-Berlins in seiner Umgebung eingelöst. Nun werden die Deutschen spüren, dass mit der Fertigstellung des Holocaust-Denkmals eine neue Probe für unser Verhältnis zur Vergangenheit beginnt.

Wie wir dabei bestehen, ist keineswegs ausgemacht. Man kommt ja an der Glücklosigkeit nicht vorbei, die gerade in Berlin in den letzten Jahren oft das Kennzeichen des Bemühens um eine stadtgemäße, nun also hauptstadtgemäße Erinnerungskultur gewesen ist. Das hat vermutlich auch mit dem Begriff zu tun, der hier zu Lande einen unübersehbaren didaktischen Pferdefuß nach sich zieht – ähnlich unvermeidlichen Formeln wie politischer Kultur oder Streitkultur, an denen der penetrante Hauch von Benimmfragen hängt. Aber die Stadt bietet auch Beispiele, die einen in die schiere Ratlosigkeit treiben. Eines ist das Trauerspiel der Erinnerung an die Mauer, zum Exempel geworden in der Invasion der Trauerkreuze am Checkpoint Charlie. Ein anderes sind die Ruinen der Topographie des Terrors. Dabei verdeckt dieses Misslingen, dass Berlin eine Mikro-Denkmallandschaft bietet, die wirklich bewegen kann – von den Figurengruppen etwa am jüdischen Deportationslager in der Großen Hamburger Straße bis zu den Gedenktafeln für den 20.Juli und der wachsenden Zahl von „Stolpersteinen“, die auf den Bürgersteigen daran erinnern, dass hier einst Juden wohnten, die vertrieben wurden.

Die letzte Stele darf allerdings auch daran erinnern, wie lang und verbissen um das Mahnmal gerungen wurde. Zeitweise, wenn es besonders schlimm war, flüchtete sich mancher in den Gedanken – verzweifelt oder ironisch –, die Auseinandersetzung selbst sei das Mahnmal. Aber sie ist ein Beispiel dafür, dass eine kleine Bürgerinitiative einen Prozess anstoßen kann, der zu einem gewichtigen Resultat führt – dank Ausdauer und, zugegeben, auch nervenden Drängens. In diesem Sinne kann dann tatsächlich gelten, dass der durchgestandene Streit schon ein Denkmal ist.

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