Politik : Da rollt was an

Von Lorenz Maroldt

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Ist Fußball ein atavistisches Spiel, bei dem unsere alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle bestens imitiert werden können, wie der Philosoph Peter Sloterdijk meint? Mutiert Deutschland zu einer gefährlichen Erregungsgemeinschaft, ist die Nationalmannschaft ein Team von Hermaphroditen? Tja, das sind Fragen. Und: Hat der Innenminister alles, wirklich alles für die Sicherheit getan? Sind diejenigen, die schon seit Tagen mit der Deutschlandfahne durch die Gegend fahren, nun Patrioten oder Nationalisten? Ach, ganz egal jetzt, Schluss damit – aus, aus, aus! Das Vorspiel ist aus!

Sechs Jahre lang, seit der Entscheidung für Deutschland, rollte die WM auf uns zu, erst ganz leise, ziemlich unscheinbar, in den letzten Wochen dann wie eine donnernde, alles mitreißende Lawine. Heute Abend liegt der Ball, „Teamgeist“ sein Name, endlich in München im Mittelkreis, und die Fragen ändern sich dramatisch. Reichen die Biervorräte, hat jeder seinen Platz vor einer Großbildleinwand gefunden? Was macht Ballacks Wade, Rooneys Fuß, Gattusos Oberschenkel? Es gibt Leute, denen das alles völlig egal ist, die sich belästigt fühlen, von Wahnsinnigen umgeben. König Fußball regiert die Welt, sangen die Nationalspieler 1974, da klang noch ein Hauch Ironie an. Heute empfinden das manche als bitteren Ernst. Ein Spiel! Gibt es nichts Wichtigeres?

Doch, gibt es, jede Menge. Aber es lohnt sich, noch einen Moment beim Spiel zu bleiben, bei diesem Spiel, denn ob man es will oder nicht: Die Weltmeisterschaft bringt vieles in Bewegung und manches ins Bewusstsein. Ein Beispiel? Bitte. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi klagt gegen längere Ladenöffnungszeiten während der WM, heute, am Tag des Eröffnungsspiels, trifft man sich vor Gericht. Da steckt alles drin. Der Versuch, hierzulande in manchen Dingen ein wenig flexibler zu werden, gar nicht mal besonders weltmeisterlich, lediglich internationales Durchschnittsniveau; aber ebenso zeigt sich die beharrende Nörgelei, die auch in vielen von uns steckt, ob als Feierabendverteidiger, Prinzipienreiter, Eintrittskartenquengler.

Fußball ist unser Leben? Ach was, aber Fußball lebt. Wie wirkte wohl die Meldung vor ein paar Tagen, dass jeder fünfte Bürger im Land keine germanischen Wurzeln hat, wenn nicht zugleich im deutschen Sturm fließend polnisch gesprochen würde? Etwas befremdlicher im wahrsten Sinne des Wortes. Podolski und Klose relativieren das, wie auch Oliver Neuville, David Odonkor, Gerald Asamoah. Und Kevin Kuranyi wurde nicht deshalb wieder ausgeladen, weil er aus Brasilien stammt; Sloterdijk meint, dies liege wohl eher daran, dass Kuranyi immer eine halbe Stunde braucht, sein Bärtchen zu ziselieren, was Jürgen Klinsmann womöglich schwer auf die Nerven ging.

Die Welt zu Gast bei Freunden, so hätten wir es gerne. Im wirklichen Leben wäre es ja auch fast so. Beim Fußball aber sind wir für viele der Lieblingsfeind, für Engländer besonders, auch für Holländer, da kommen die protoartilleristischen Reflexe so richtig zum Vorschein. Ein paar tausend Briten müssen zu Hause bleiben, ihnen wurde der Pass entzogen, bevor noch etwas passiert. Two World Wars and one World Cup! Eine Weltmeisterschaft ist eben auch ein Ausnahmezustand.

In 33 Tagen ist alles vorbei. Das zum Trost für jene, die es schon jetzt nicht mehr aushalten wollen. Aber alle, auch sie, erhalten etwas ganz Seltenes, Besonderes: die Erinnerung an eine Weltmeisterschaft im eigenen Land. Nicht umsonst, aber – geschenkt. Und: Anpfiff!

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