Politik : Damit keiner verloren geht

Von Gerd Nowakowski

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Das alarmiert. In Berlin hat 2006 die Jugendgewalt um fünf Prozent zugenommen – und nahezu achtzig Prozent der Tatverdächtigen sind nichtdeutscher Herkunft. Im Berliner Problembezirk Neukölln finden sich unter den 130 sogenannten Intensivtätern gerade einmal drei deutsche Namen.

Das schreckt. Wie sicher ist Berlin? Vor allem: Wie sicher sind beim Thema Integration die Überzeugungen der Bevölkerung und der Politiker angesichts solcher Zahlen? Stoßen wir bei der Integration an Grenzen, weil sich nach Jahrzehnten des Zusammenlebens die gemeinsame Wertebasis immer mehr desintegriert?

Das macht nachdenklich. Ein 18-jähriger Türke, der heute nach Berlin einreist, hat bessere Integrationschancen als viele eingedeutschte Jugendliche der dritten Generation. Gesagt hat das einVertreter des türkischen Bundes in Berlin auf einer Debatte über Jugendgewalt. Denn die gerade eingereisten Türken hätten ein Wertesystem, viele der in Berlin aufgewachsenen Jugendlichen nicht einmal das.

Das fordert. Vor allem fordert es die Politik, zu prüfen, was geholfen hat und was hilft. Ja, wir hatten jahrzehntelang eine verfehlte Integrationspolitik. Aber weiter hilft das nicht. Vor allem nicht Jugendlichen, die als Deutsche geboren sind und dennoch so wenig Zukunft für sich sehen, dass sie kriminell werden. Ein Freibrief für Gewalt ist das nicht, eine Erklärung, was schiefläuft, ist es schon. Keine ausreichenden Deutschkenntnisse, kein Schulabschluss, keine Lehrstelle, kein Job – das ist Realität für viele türkische und arabische Jugendliche. Das Einzige, was sie hervorhebt, ist der Titel Intensivtäter. Diese Familien sind „unterste Unterschicht“, heißt es beim türkischen Bund. Ein soziales, kein ethnisches Problem.

Das rächt sich. Fast alles, was helfen könnte, fehlt in Berlin. Es gibt nicht genügend Jobs, und der Senat hat die Mittel für Jugendprojekte zusammengestrichen. Jetzt muss die Polizei die Intensivtäter von der Straße holen, und Haftanstalten werden Verwahranstalten. Wer da rauskommt, hat nicht mehr, sondern weniger Chancen für einen Neuanfang.

Das lohnt sich. In der Hauptstadt leben über 440 000 nichtdeutsche Berliner. Der allergrößte Teil hat sich hier integriert und ist nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die türkische Mittelschicht spricht deutsch und ist aus den Problembezirken weggezogen – um der Zukunft ihrer Kinder willen: für deren Streben nach Glück. Diese erfolgreichen Familien müssen Vorbild für jene werden, die meinen, sie hätten hier keine Chance. Sie sind der Schlüssel für Aufstiegsorientierung, für positive Vorbilder. Damit nicht der 25-jährige Todesfahrer mit 200 Ermittlungsverfahren der Held in seinem Kiez bleibt. Damit der Stadt nicht eine ganze Generation türkischer und arabischer Kids verloren geht.

Das geht. Die Zahlen zur Jugendgewalt sind düster, die Gesamtlage ist es nicht. Berlin hat zu reagieren begonnen, vor allem seit dem Rütli-Schock vor einem Jahr. Es gibt nun Sozialarbeiter an den Hauptschulen und viele Anti-Gewalt-Projekte. Vor allem sind Pädagogen und Rektoren sensibler geworden. Die Zahl der Taten nimmt auch zu, weil nun alle Straftaten gemeldet, nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Polizei und Justiz haben mit der Intensivtäter-Abteilung ein erfolgreiches Instrument, die notorischen Gewalttäter aus dem Verkehr zu ziehen.

Bald werden vierzig Prozent aller Schulkinder nichtdeutscher Herkunft sein. Integration bekommt eine letzte Chance in Berlin: Damit nicht ein soziales Problem zum ethnischen Problem gemacht wird.

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